Ich dachte des Kaiser’s neue Klei­der ist ein Märchen

Es ändern sich grad die Regeln und eine Kultur der Angst greift um sich. Und wir alle wissen, wie fatal sich das auf den Innovationsgeist, auf Kreativität auf den Humor und das fröhliche Miteinander auswirkt.

In vor­eilen­dem Gehor­sam löschen Unternehmen Inter­net­seit­en, die auf Diver­si­ty aus­gerichtet sind. Es kön­nte ihre Auf­tragslage gefährden.

Zeitun­gen und Jour­nale kor­rigieren ihren Kurs und set­zen auf ein­seit­ige Mei­n­ungs­seit­en im Sinne der Machthaber. Kri­tik daran wird nicht mehr veröf­fentlicht.

Die Sprache wird angepasst an die radikalen Parteien und mit ein­her geht eine Ver­wilderung des Denkens, wo ein­fache Maß­nah­men die Lösung sein sollen für kom­plexe The­men. Kon­text und Dif­feren­zierung in der Debat­te oder gar die gute alte Qual­ität des Dialogs gehen ver­loren.

Schle­ichend und Schritt für Schritt greifen Kor­rek­tur­maß­nah­men um sich. Was noch vor weni­gen Jahren scharf kri­tisiert wurde ist heute Stan­dard und wird geschluckt oder gar bestätigt. Recht­sradikales Gedankengut, rüpel­haftes Benehmen oder abschätziges Beschimpfen ander­er müssen nicht mehr im engen, ver­traut­en Kreis ver­wahrt wer­den. Es hat die Welt­büh­nen erobert und wird laut dröh­nend propagiert. 

Jet­zt sind es die anderen, die still sind und die durch ihr Schweigen lei­der viel zu oft Zus­tim­mung sig­nal­isieren.  

Jene Betrüger — wie sie im Märchen benan­nt wer­den – die dem König etwas von schö­nen Klei­dern vor­gaukeln bes­tim­men das Gespräch und ziehen die Fäden. Im Märchen wer­den sie mit dem Titel „Kaiser­liche Hofwe­ber» belohnt.
 

Erst ein kleines Kind, das vielle­icht nichts von der Falschheit, der Heuchelei, den betrügerischen Ver­sprechun­gen und dem Spiel mit dem eignen Ego wusste, spricht endlich das Offen­sichtliche aus. „Aber er hat ja nichts an!“

Es ändern sich grad die Regeln und eine Kul­tur der Angst greift um sich. Die einen sind die laut­starken Mitläufer und die anderen wollen bloß nicht auf­fall­en. Die Poli­tik lebt es vor. Es bestärkt jene Ver­hal­tensweisen und das nicht nur in typ­isch bürokratis­chen Organ­i­sa­tio­nen, die Ver­ant­wor­tung auf die näch­sthöhere Führungsebene schieben, die laut zu- und ein­stim­men, wenn andere öffentlich zum Bauernopfer gemacht wer­den und die auch nicht davor zurückscheuen Halb­wahrheit­en zu ver­bre­it­en. Geflissentlich und in unter­wür­figer Eile will man nur ja keinen Fehler machen, nicht zum öffentlichen Bauernopfer wer­den oder vor aller Augen blamiert wer­den.

Und wir alle wis­sen, wie fatal sich eine Kul­tur der Angst auf den Inno­va­tion­s­geist, auf Kreativ­ität und auch auf den Humor und das fröh­liche Miteinan­der auswirken.

Noch glauben wir, es sind ja nur kleine Ver­hal­tensan­pas­sun­gen, um die Laut­en nicht zu provozieren. Doch wo ist der Kipp­punkt?

Stärken wir uns gegen­seit­ig und bleiben wir mutig. 

Oder anders gesagt: Warten wir nicht zu lange auf das kleine Kind.

Des Kaiser’s neue Klei­der

Von

Hans Chris­t­ian Ander­sen

1937

Vor vie­len Jahren lebte ein Kaiser, der so unge­heuer viel auf neue Klei­der hielt, dass er all sein Geld dafür aus­gab, um recht geputzt zu sein. Er küm­merte sich nicht um seine Sol­dat­en, küm­merte sich nicht um The­ater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Klei­der zu zeigen. Er hat­te einen Rock für jede Stunde des Tages, und eben­so wie man von einem König sagte, er ist im Rat, so sagte man hier immer: “Der Kaiser ist in der Garder­obe!”

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie das schön­ste Zeug, was man sich denken könne, zu weben ver­standen. Die Far­ben und das Muster seien nicht allein ungewöhn­lich schön, son­dern die Klei­der, die von dem Zeuge genäht wür­den, soll­ten die wun­der­bare Eigen­schaft besitzen, dass sie für jeden Men­schen unsicht­bar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeih­lich dumm sei.

‚Das wären ja prächtige Klei­der’, dachte der Kaiser. ‚Wenn ich solche hätte, kön­nte ich ja dahin­terkom­men, welche Män­ner in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht tau­gen, ich kön­nte die Klu­gen von den Dum­men unter­schei­den! Ja, das Zeug muss sogle­ich für mich gewebt wer­den!’ Er gab den bei­den Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit begin­nen soll­ten.

Sie stell­ten auch zwei Web­stüh­le auf, tat­en, als ob sie arbeit­eten, aber sie hat­ten nicht das Ger­ing­ste auf dem Stuh­le. Trotz­dem ver­langten sie die fein­ste Sei­de und das prächtig­ste Gold, das steck­ten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeit­eten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein. ‚Nun möchte ich doch wis­sen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!’, dachte der Kaiser, aber es war ihm bek­lom­men zumute, wenn er daran dachte, dass kein­er, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, dass er für sich selb­st nichts zu fürcht­en brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit ste­he. Alle Men­schen in der ganzen Stadt wussten, welche beson­dere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nach­bar sei.

‚Ich will meinen alten, ehrlichen Min­is­ter zu den Webern senden’, dachte der Kaiser, ‚er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich aus­nimmt, denn er hat Ver­stand, und kein­er ver­sieht sein Amt bess­er als er!’

Nun ging der alte, gute Min­is­ter in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Web­stühlen arbeit­eten. ‚Gott behüte uns!’ dachte der alte Min­is­ter und riss die Augen auf. ‚Ich kann ja nichts erblick­en!’ Aber das sagte er nicht.

Bei­de Betrüger bat­en ihn näher zu treten und fragten, ob es nicht ein hüb­sches Muster und schöne Far­ben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme, alte Min­is­ter fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er kon­nte nichts sehen, denn es war nichts da. ‚Her­rgott’, dachte er, ‚sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Men­sch wis­sen! Sollte ich nicht zu meinem Amte tau­gen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzäh­le, ich könne das Zeug nicht sehen!’

“Nun, Sie sagen nichts dazu?”, fragte der eine von den Webern. “Oh, es ist niedlich, ganz aller­lieb­st!”, antwortete der alte Min­is­ter und sah durch seine Brille. “Dieses Muster und diese Far­ben! – Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir sehr gefällt!”

“Nun, das freut uns!”, sagten bei­de Weber, und darauf benan­nten sie die Far­ben mit Namen und erk­lärten das selt­same Muster. Der alte Min­is­ter merk­te gut auf, damit er das­selbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurück­komme, und das tat er auch.

Nun ver­langten die Betrüger mehr Geld, mehr Sei­de und mehr Gold zum Weben. Sie steck­ten alles in ihre eige­nen Taschen, auf den Web­stuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bish­er an den leeren Stühlen zu arbeit­en.

Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchti­gen Staats­mann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben ste­he und ob das Zeug bald fer­tig sei; es ging ihm aber ger­ade wie dem ersten, er guck­te und guck­te; weil aber außer dem Web­stuhl nichts da war, so kon­nte er nichts sehen.

“Ist das nicht ein ganz beson­ders prächtiges und hüb­sches Stück Zeug?” fragten die bei­den Betrüger und zeigten und erk­lärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

‚Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann, ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre selt­sam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und ver­sicherte ihnen seine Freude über die schö­nen Far­ben und das her­rliche Muster. “Ja, es ist ganz aller­lieb­st!”, sagte er zum Kaiser.

Alle Men­schen in der Stadt sprachen von dem prächti­gen Zeuge. Nun wollte der Kaiser es selb­st sehen, während es noch auf dem Web­stuhl sei. Mit ein­er ganzen Schar auser­wählter Män­ner, unter denen auch die bei­den ehrlichen Staatsmän­ner waren, die schon früher dagewe­sen, ging er zu den bei­den listi­gen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Fas­er oder Faden.

“Ja, ist das nicht prächtig?”, sagten die bei­den ehrlichen Staatsmän­ner. “Wollen Eure Majestät sehen, welch­es Muster, welche Far­ben?” Und dann zeigten sie auf den leeren Web­stuhl, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen kön­nten.

‚Was!’, dachte der Kaiser, ‚ich sehe gar nichts! Das ist ja schreck­lich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schreck­lich­ste, was mir begeg­nen kön­nte.’ “Oh, es ist sehr hüb­sch”, sagte er, “es hat meinen aller­höch­sten Beifall!” Und er nick­te zufrieden und betra­chtete den leeren Web­stuhl; er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen kon­nte. Das ganze Gefolge, was er mit sich hat­te, sah und sah, aber es bekam nicht mehr her­aus als alle die andern, aber sie sagten gle­ich wie der Kaiser: “Oh, das ist hüb­sch!’, und sie rieten ihm, diese neuen prächti­gen Klei­der das erste Mal bei dem großen Feste, das bevor­stand, zu tra­gen.

“Es ist her­rlich, niedlich, aus­geze­ich­net!”, ging es von Mund zu Mund, und man schien aller­seits innig erfreut darüber. Der Kaiser ver­lieh jedem der Betrüger ein Rit­terkreuz, um es in das Knopfloch zu hän­gen, und den Titel Kaiser­liche Hofwe­ber.

Die ganze Nacht vor dem Mor­gen, an dem das Fest stat­tfind­en sollte, waren die Betrüger auf und hat­ten sechzehn Lichte angezün­det, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobacht­en kon­nte. Die Leute kon­nten sehen, dass sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Klei­der fer­tigzu­machen. Sie tat­en, als ob sie das Zeug aus dem Web­stuhl näh­men, sie schnit­ten in die Luft mit großen Scheren, sie näht­en mit Näh­nadeln ohne Faden und sagten zulet­zt: “Sieh, nun sind die Klei­der fer­tig!”

Der Kaiser mit seinen vornehm­sten Beamten kam selb­st, und bei­de Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, ger­ade, als ob sie etwas hiel­ten, und sagten: “Seht, hier sind die Bein­klei­der, hier ist das Kleid, hier ist der Man­tel!”, und so weit­er. “Es ist so leicht wie Spin­nwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Kör­p­er, aber das ist ger­ade die Schön­heit dabei!” “Ja!”, sagten alle Beamten, aber sie kon­nten nichts sehen, denn es war nichts da.

“Belieben Eure Kaiser­liche Majestät Ihre Klei­der abzule­gen”, sagten die Betrüger, “so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!” Der Kaiser legte seine Klei­der ab, und die Betrüger stell­ten sich, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Klei­der anzo­gen, die fer­tig genäht sein soll­ten, und der Kaiser wen­dete und drehte sich vor dem Spiegel.

“Ei, wie gut sie klei­den, wie her­rlich sie sitzen!”, sagten alle. “Welch­es Muster, welche Far­ben! Das ist ein kost­bar­er Anzug!”
“Draußen ste­hen sie mit dem Thron­him­mel, der über Eur­er Majestät getra­gen wer­den soll!”, meldete der Oberz­er­e­monien­meis­ter.
“Seht, ich bin ja fer­tig!”, sagte der Kaiser. “Sitzt es nicht gut?” Und dann wen­dete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte scheinen, als ob er seine Klei­der recht betra­chte.

Die Kam­mer­her­ren, die das Recht hat­ten, die Schleppe zu tra­gen, grif­f­en mit den Hän­den gegen den Fuß­bo­den, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gin­gen und tat­en, als hiel­ten sie etwas in der Luft; sie wagten es nicht, es sich anmerken zu lassen, dass sie nichts sehen kon­nten.

So ging der Kaiser unter dem prächti­gen Thron­him­mel, und alle Men­schen auf der Straße und in den Fen­stern sprachen: “Wie sind des Kaisers neue Klei­der unver­gle­ich­lich! Welche Schleppe er am Klei­de hat! Wie schön sie sitzt!” Kein­er wollte es sich merken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewe­sen. Keine Klei­der des Kaisers hat­ten solch­es Glück gemacht wie diese.

“Aber er hat ja gar nichts an!”, sagte endlich ein kleines Kind. “Hört die Stimme der Unschuld!”, sagte der Vater; und der eine zis­chelte dem andern zu, was das Kind gesagt hat­te.

“Aber er hat ja gar nichts an!”, rief zulet­zt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ‚Nun muss ich aushal­ten.’ Und die Kam­mer­her­ren gin­gen und tru­gen die Schleppe, die gar nicht da war.

Hans Chris­t­ian Ander­sen (1805–1875)

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Ruth Bolter

Ich teile meine internationalen Erfahrungen mit Menschen an unterschiedlichen Orten auf der ganzen Welt. Verbindungen zu schaffen, wo sie nicht offensichtlich sind, ist das, was mich inspiriert und was ich gerne anderen zur Verfügung stellen möchte.