Wicked Prob­lems – warum Werkzeuge nicht mehr reichen

Eine kleine Betrachtung darüber, warum die Probleme, die uns heute am meisten beschäftigen, sich nicht mehr reparieren, sondern nur noch gemeinsam bearbeiten lassen.

Wenn etwas nicht funk­tion­iert, greifen wir zum Werkzeug. Wir analysieren, zer­legen, pla­nen, steuern und messen – und meis­tens hil­ft das. Über Jahrzehnte haben Organ­i­sa­tio­nen einen beein­druck­enden Werkzeugkas­ten aufge­baut, der genau auf eine Sorte Prob­leme zugeschnit­ten ist: solche, die sich klar benen­nen, in Ursache und Wirkung zer­legen und mit der richti­gen Meth­ode lösen lassen. Eine Mas­chine ste­ht still, man find­et das defek­te Teil, man tauscht es aus. Ein Prozess stockt, man opti­miert den Eng­pass. Das ist die Welt, für die ein Großteil unser­er Instru­mente gemacht ist – und in dieser Welt sind sie nach wie vor unverzicht­bar.

Unsere Organ­i­sa­tio­nen kämpfen allerd­ings immer häu­figer mit ein­er anderen Sorte von Her­aus­forderun­gen – solchen, die sich diesem „Werkzeug-Zugriff“ entziehen. Der Stadt­plan­er Horst Rit­tel hat sie schon vor über fün­fzig Jahren „wicked prob­lems“ genan­nt, verzwick­te oder bösar­tige Prob­leme. Nicht, weil sie böse wären, son­dern weil sie sich nicht so ver­hal­ten, wie unsere Werkzeuge es erwarten. Sie haben keine ein­deutige Def­i­n­i­tion; wie man das Prob­lem beschreibt, hängt schon davon ab, wo man ste­ht. Sie haben kein Stopp-Sig­nal, das anzeigt, wann sie gelöst sind. Und jed­er Ver­such, an ein­er Stelle einzu­greifen, verän­dert das Ganze und schafft neue Her­aus­forderun­gen an ander­er Stelle.

Wer ein­mal ver­sucht hat, den Fachkräfte­man­gel, die zähe Zusam­me­nar­beit zwis­chen Abteilun­gen oder den Wan­del hin zu einem regen­er­a­tiv­en Wirtschaften mit ein­er einzel­nen Maß­nahme zu „lösen“, ken­nt das Gefühl. Man behebt etwas – und ander­swo geht ein neues Läm­pchen an. Das liegt nicht an man­gel­nder Sorgfalt. Es liegt daran, dass wir ein lebendi­ges, ver­net­ztes Sys­tem mit Werkzeu­gen behan­deln, die für ein­fache „Ursache-Wirkung“-Situationen gedacht sind.

Wenn die Lösung das Prob­lem ver­schärft

Der ver­bre­it­et­ste Reflex in unüber­sichtlichen Lagen ist, mehr von dem zu tun, was bish­er Sicher­heit gab: genauer pla­nen, enger steuern, Entschei­dun­gen selb­st in die Hand nehmen und hier­ar­chisch nach oben holen. Das fühlt sich ver­ant­wor­tungsvoll an. Häu­fig aber ver­schärft genau dieser Reflex das Prob­lem, das es zu lösen gilt. Mehr Kon­trolle zieht Entschei­dun­gen weg vom Ort des Geschehens und damit weg von den Augen und Ohren, die am näch­sten dran sind. Der Appa­rat reagiert langsamer, die Wahrnehmung verengt sich, und die Kom­plex­ität, die man bändi­gen wollte, wächst im Ver­bor­ge­nen weit­er, während sich die Bürokratie zusät­zlich aufzublähen begin­nt.

Kom­plex­ität ist deshalb kein Argu­ment für mehr Zen­tral­isierung, son­dern eines für verteilte Intel­li­genz. Je dichter der Nebel wird, desto mehr braucht es die Wahrnehmung, die Erfahrung und das Urteilsver­mö­gen ver­schieden­er Kom­pe­ten­zträgerin­nen. Wer das in ein­er Spitze zu bün­deln ver­sucht, gewin­nt den Anschein von Kon­trolle und ver­liert genau das, was er am drin­gend­sten bräuchte: die Fähigkeit, ein ganzheitlich­es, qual­i­fiziertes Urteil zu bilden, das nicht nur errech­net, son­dern oft auch erspürt wer­den muss.

Was an die Stelle des Werkzeugs tritt

Wenn ein Prob­lem sich nicht lösen, son­dern nur bear­beit­en lässt, verän­dert sich die Frage. Sie lautet nicht mehr „Welch­es Werkzeug schafft das?“, son­dern „Wer muss zusam­menkom­men, damit wir der Sache gerecht wer­den?“. An die Stelle der einen richti­gen Meth­ode tritt das Zusam­men­spiel unter­schiedlich­er Per­spek­tiv­en. An die Stelle der schnellen Antwort tritt die Fähigkeit, Nichtwissen eine Weile auszuhal­ten, ohne es vorschnell mit ein­er Schein­lö­sung zu stillen.

Wir sprechen nicht von ein­er weichen Zutat oder einem net­ten Bei­w­erk für Inno­va­tionswork­shops. Wir sprechen von ein­er erwach­se­nen Form, mit Kom­plex­ität umzuge­hen. Verzwick­te Prob­leme sind ihrem Wesen nach geteilt: Nie­mand sieht sie ganz, nie­mand löst sie allein. Was sie ver­lan­gen, ist wed­er der ein­same Experte mit dem passenden Instru­ment noch die mächtige Führungskraft, son­dern eine Organ­i­sa­tion, die Vielfalt inte­gri­ert, Lern­schleifen ermöglicht und Ver­ant­wor­tung dor­thin verteilt, wo die Wahrnehmung am dicht­esten ist. Genau das meinen wir mit Wir-Ver­mö­gen: die Fähigkeit, gemein­sam zu sehen, zu deuten und zu han­deln – und das ist mehr als die Summe einzel­ner Beiträge.

Die Werkzeuge nicht weg­w­er­fen – son­dern einord­nen

Wie erwäh­nt: Analyse, Pla­nung und Steuerung haben nicht aus­ge­di­ent. Es gibt weit­er­hin die klar umris­se­nen Prob­leme, und für diese bleibt der bewährte Werkzeugkas­ten die beste Antwort. Der Fehler liegt nicht im Werkzeug, son­dern in der Ver­wech­slung bei dessen Anwen­dung: Wir dür­fen uns nicht wun­dern, dass die „Repara­turen“ nicht hal­ten, wenn wir ein verzwick­tes Prob­lem mit einem ein­fachen Ursache-Wirkung-Ansatz behan­deln.

Vielle­icht begin­nt die eigentliche Reife dort, wo wir ler­nen, die bei­den Sorten von Prob­le­men auseinan­derzuhal­ten. Wo wir innehal­ten, bevor wir reflex­haft zum ver­traut­en Instru­ment greifen, und uns fra­gen: Ist das hier etwas, das ich repari­eren kann – oder ist es etwas, dem wir nur gemein­sam, tas­tend und ler­nend gerecht wer­den kön­nen? Steck­en wir die Köpfe zusam­men, wagen wir den Dia­log und üben wir gemein­sam, die Unsicher­heit­en auszuhal­ten und die Auf­gaben unser­er Zeit mit gemein­samer Intel­li­genz anzuge­hen.

Bleib neugierig. Erlebe das neue Wir.

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Urs Bolter

Als «Teilzeit-Copilot» helfe ich Organisationen dabei, die gewünschten Entwicklungen in einem qualitativen Miteinander zu meistern. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre ich ein weltreisender Arzt, Klempner, Architekt, Diplomat oder pädagogischer Unternehmer mit einer sportlichen Seite.