
Wenn wir an Führung denken, denken wir meist an Antworten. An jemanden, der weiß, wo es langgeht, der Orientierung gibt, der entscheidet. Und ja, das braucht es. Doch je länger wir mit Organisationen arbeiten, desto häufiger begegnet uns ein anderes Bild – eines, das dieser Vorstellung leise widerspricht und doch gerade deshalb so viel Kraft entfaltet.
Heinz Janisch, der 2024 mit dem Hans Christian Andersen Award den wichtigsten Preis der Kinderliteratur erhielt, erzählt von einem Mädchen, das ihm bei einer Lesung sagte: „Ich weiß, warum du so wenig schreibst – weil ich dann mehr Platz zum Nachdenken habe. Ein Wort, ein Abenteuer. Auf die eine Seite schreibe ich Feuerball, auf die nächste Wasserfall … und dann frage ich die Kinder: Was könnte noch passieren?“
Diese kurze Geschichte berührt uns, weil sie an etwas rührt, das wir im Erwachsenenleben oft verlieren: das Vertrauen in das gemeinsame Weiterdenken, in das Nicht-Fertige und in die Kraft von Neugier und Vorstellung. Kinder brauchen keine perfekten Antworten, sie brauchen Räume. Und wer einmal beobachtet hat, wie ein einziges offenes Wort eine ganze Schar von Geschichten in Bewegung setzt, ahnt, was wir meinen, wenn wir Räume schaffen als eine der vernachlässigten Führungsaufgaben bezeichnen.
Was wäre, wenn Organisationen wieder mehr solche Räume hätten?
Räume, in denen nicht nur Lösungen gesucht, sondern Möglichkeiten erkundet werden. In denen eine Kundenreklamation nicht nur die Frage „Wie beheben wir das?“ auslöst, sondern auch „Was lernen wir daraus über ein Bedürfnis, das wir noch nicht bedienen?“ In denen eine beiläufige Bemerkung in der Kaffeeküche zum Keim einer Verbesserung werden darf, die niemand auf der Agenda hatte. Das ist kein weiches Zugeständnis an individuelle Bedürfnisse, sondern der Nährboden, auf dem überhaupt erst Neues entstehen kann.
Die meisten Organisationen sind allerdings auf das Gegenteil trainiert. Sie sind darauf ausgelegt, Risiken zu erkennen, Abweichungen zu melden und Probleme zu lösen. Das ist wichtig und notwendig – und erzeugt zugleich einen blinden Fleck. Wer ständig nach dem sucht, was nicht funktioniert, übersieht leicht, was funktionieren könnte. Räume zu schaffen heißt deshalb zuerst, diesen Blick bewusst zu weiten.
Die Versuchung, den Raum sofort zu füllen
Hier liegt die eigentliche Zumutung für Führung. Denn ein Raum, der erst entsteht, ist unbequem. Er ist still, bevor er lebendig wird. Menschen, die jahrelang in engen Vorgaben gearbeitet haben, brauchen Zeit, um Freiraum als Einladung zu verstehen und nicht als Verunsicherung. Manche warten ab, ob das Angebot ernst gemeint ist. Andere testen die Grenzen aus und sie alle lernen damit umzugehen. Und genau in diesem Moment ist die Versuchung am größten, den Raum wieder zu schließen – mit einer schnellen Antwort, einer zusätzlichen Regel, einer gut gemeinten Lenkung.
Organisationen, die Freiräume schaffen und dann ungeduldig werden, wenn diese nicht sofort gefüllt werden, untergraben das Vertrauen, das sie gerade aufbauen wollen – oft mit dem Unterton, dass die Menschen keine Verantwortung übernehmen wollen oder können. Freiraum braucht Zeit, damit er als sicher erlebt wird. Und er braucht erste positive Erfahrungen, die zeigen, dass eigenständiges Handeln tatsächlich gewürdigt und nicht beim nächsten Rückschlag zurückgenommen wird. Den Raum zu halten, auch wenn er sich noch leer anfühlt, ist anstrengender als ihn zu füllen – und wirksamer.
Wenn Raum entsteht, wo man ihn nicht vermutet
Manchmal entsteht Freiraum dort, wo niemand ihn geplant hat. Ein Team, das direkt mit Kundinnen und Kunden arbeitete, erlebte genau das. Die Stimmung war angespannt, gegenseitige Vorwürfe hatten sich breitgemacht, gegen Kolleginnen ebenso wie gegenüber Vorgesetzten. Das Team driftete auseinander, obwohl sich eigentlich alle mochten.
Die Veränderung, die sie einführten, war denkbar einfach: Jeden Morgen trafen sie sich für fünf Minuten. Alle konnten kurz sagen, was sie bewegt, was sie antreibt oder stört – und auch, wie es ihnen gerade ging. Fünf Minuten, in denen alle wussten, woran sie waren, inhaltlich und emotional. Die Arbeitsberge sind dieselben geblieben, doch alles fühlt sich leichter an. Nicht weil sich die äußeren Bedingungen verändert hätten, sondern weil die innere Enge gewichen ist.
Die leise Führungsaufgabe
Vielleicht ist das der Kern. Räume schaffen ist deshalb so leicht zu vernachlässigen, weil es nach außen wenig hermacht. Es gibt keine Folie, auf der es gut aussieht, keine Kennzahl, die sofort steigt, im Gegenteil, es wird als ineffiziente Zeit wahrgenommen. Es zeigt sich erst später, in den Ideen, die plötzlich im Alltag auftauchen, in der Energie, mit der Menschen sich einbringen, in den Verbindungen, die entstehen, weil jemand miteinander gesprochen hat und nicht, weil ein Prozess es vorsah.
Das Mädchen aus Janischs Geschichte hat es längst verstanden: Mehr Platz zum Nachdenken entsteht nicht durch mehr Worte, sondern durch die richtigen Auslassungen. Was wäre, wenn wir Führung wieder ein Stück weit so verstünden – als die Kunst, einen Impuls zu teilen und dann zu fragen: Was könnte noch passieren?
Bleib neugierig.