Acht­same Boden­lan­dung

Fünf Stunden Kurven, eine UN-Rede im Ohr und am Ende ein kaltes Farmhaus im Phobjikha-Tal: eine Nacht, in der unsere lange trainierte Flexibilität an Grenzen stößt – und die Frage, wie wir mit Erwartungen umgehen, die niemand ausgesprochen hat.

“How can one prac­tise tol­er­ance with­out ene­mies, and how can one prac­tise giv­ing with­out beg­gars?“ (Bud­dhis­tis­che Weisheit) – Wie soll man Tol­er­anz üben ohne Feinde, und wie Großzügigkeit ohne Bet­tler? Nach dem anre­gen­den Gespräch in der Loden Foun­da­tion geht es nun für rund fünf Stun­den Kurve um Kurve bergauf und bergab. Genü­gend Zeit, um zu disku­tieren, zu sin­nieren und weit­erzu­denken. Im Auto hören wir uns die Rede von Pre­mier­min­is­ter Tsher­ing Tob­gay anlässlich der 81. Gen­er­alver­samm­lung der Vere­in­ten Natio­nen an, die ger­ade stattge­fun­den hat. „Nicht als Pre­mier­min­is­ter ste­he ich hier, son­dern als Verkäufer“ – und damit wirbt er für das Großpro­jekt “Gele­phu Mind­ful­ness City“. Ein Pro­jekt, das ein­er­seits die Prinzip­i­en Bhutans (Gross Nation­al Hap­pi­ness) wahren und gle­ichzeit­ig die nötige ökonomis­che Entwick­lung und damit Zukun­ft­saus­sicht­en für die Jugend ermöglichen soll. Und das auf ein­er Fläche, die fünf­mal jene Sin­ga­purs abdeckt und die weltweit wichtig­sten Learn­ings und Prak­tiken vere­inen soll.

Mind­ful­ness ist in jedem Gespräch und selb­st im Stadt­na­men das zen­trale The­ma. Wir sind hier zum Ler­nen – auch das sagen wir in jedem Gespräch. Und was heißt das nun genau? Wie gut gelingt es uns, uns nicht nur intellek­tuell durch unser Pro­gramm zu bewe­gen, son­dern die Mind­ful­ness-Botschaft auch wirk­lich per­sön­lich-emo­tion­al anzunehmen? Dass wir mit organ­isatorischen The­men flex­i­bel sein müssen, das wis­sen und kön­nen wir. Wir schulen das The­ma „Flex­i­bil­ität“ seit Jahrzehn­ten und wis­sen nur zu gut, dass sie mit fortschre­i­t­en­dem Alter bewusstes Train­ing braucht – aber wir sind ja die Experten – oder doch nicht?

Immer wieder wird die Straße verengt – Schut­tkegel und Steine liegen da, dort ist wieder ein Teil der Straße abge­brochen – was soll’s, damit kön­nen wir umge­hen. Schließlich sitzen wir im sicheren Auto und unser Fahrer schlän­gelt sich da durch, während wir der UN-Rede fol­gen. Aber Moment mal, wie absurd ist das eigentlich? Es wird uns bewusst, dass wir uns gedanklich in einem Kon­gress­saal in New York befind­en und das wahre Geschehen (noch) emo­tion­al unbeteiligt an uns vor­beizieht. Nun, mind­ful ist das ja nicht ger­ade.

Langsam, aber sich­er tauchen auch wir in die Real­ität der von tage­langem Regen ver­schlammten Straßen ein. Spätestens bei den mit kaum Beschle­u­ni­gung aus­ge­führten Über­hol­manövern ohne Kur­ven­sicht sind wir hellwach. Das ver­heißungsvoll als „Lit­tle Switzer­land und Heimat der Schwarzhal­skraniche“ angekündigte Phob­jikha-Tal taucht strich­weise aus den Nebelschwaden auf. Alle Strom­leitun­gen sind hier im Boden ver­legt, um die sel­te­nen Kraniche zu schützen. Das ist fortschrit­tlich und mind­ful zugle­ich. Der Strom selb­st fällt allerd­ings immer wieder aus – ger­ade eben für die let­zten drei Tage. Draußen hat es inzwis­chen kaum noch 10°. Wir fahren müde an allen Hotels vor­bei, die wir ver­stohlen auf Google Maps sicht­en, und fra­gen uns, wohin uns das heute noch führen soll.

Die Architek­tur viel­er Häuser ist beein­druck­end und tat­säch­lich biegen wir in die steile, ver­schlammte Auf­fahrt eines dieser Häuser. Das Tor ist geschlossen, aber egal, das Auto bleibt auch nach mehrma­li­gen Ver­suchen schon vorher im Schlamm steck­en – also zu Fuß. Das Haus kön­nte unbe­wohn­ter nicht ausse­hen. Rund um den Ein­gang wachen Phal­lus-Darstel­lun­gen – für uns unge­wohnt, in Bhutan aber ver­bre­it­ete Schutzze­ichen gegen böse Geis­ter und Unglück. Gegen unser Türschloss helfen sie lei­der nicht: Es braucht schließlich sechs Per­so­n­en und mehr als eine halbe Stunde, bis wir das kalte Haus betreten dür­fen – Farm­stay-Accom­mo­da­tion! Die Sit­u­a­tion ist allen unan­genehm, und doch bleibt der Umgang respek­tvoll.

Unser Zim­mer ist sauber, der kleine Heizungslüfter wird sogle­ich eingeschal­tet und die Einzel­ma­tratzen zusam­mengeschoben. Die karge Dusche tropft, die darunter geschobe­nen Eimer sind am Über­laufen – und wo ist unsere Flex­i­bil­ität? Wir reißen uns zusam­men – klar, wir sind doch flex­i­bel –, lassen uns die Ent­täuschung natür­lich nicht anmerken, verkriechen uns zum Dur­chat­men erst mal im Zim­mer und streifen uns noch eine zusät­zliche Jacke über. Vier Nächte ste­hen uns so bevor. Auch wenn die Leute sehr nett sind und wir uns zwei Stun­den später in einem war­men Gemein­schaft­sraum zum Essen auf die Boden­mat­ten set­zen, will das mit der Flex­i­bil­ität heute ein­fach nicht so gut klap­pen. Hätte uns jemand etwas gesagt, hät­ten wir uns darauf ein­stellen kön­nen – so kommt alles völ­lig uner­wartet. Oder hät­ten wir nicht ein­fach blind ver­trauen, son­dern fra­gen sollen … hätte, sollte?

Alle hän­gen an ihren Mobiles, der Bild­schirm strahlt irgendwelche Katzen-Faux­pas über YouTube aus – und wir sind da keinen Deut bess­er: Mit mäßiger Moti­va­tion und schwachem Inter­net ver­suchen wir es mit dem Schreiben. Nach dem zweit­en Absturz und mit kalten Füssen ist es dann auch damit geschehen. Wir rollen uns auf die harten Matratzen – der Rück­en meldet sich schon beim Gedanken an die ganze Nacht und das Kopfki­no läuft. Wir haben ja stun­den­lang Zeit, uns beim Hin- und Her­wälzen zu über­legen, wie es weit­erge­hen soll. Farm­stay-Erleb­nis gut und schön, aber vier Nächte? Und natür­lich geht uns auch die Kosten-Nutzen-Frage durch den Kopf. Reklamieren? Bleiben? Die Reise umpla­nen? Oder doch die richtige Ein­stel­lung find­en? Jed­er von uns hat sein eigenes Nachtki­no, und mit wenig Schlaf, auto­gen­em Train­ing und einem Change of Mind­set haben wir es bis am Mor­gen bei­de geschafft, im inneren Prozess zu Klarheit und ein­er pos­i­tiv­en Hal­tung zu find­en.

So gelingt es uns, den Tag freudig und opti­mistisch zu starten, die liebevollen Bemühun­gen der Gast­fam­i­lie dankbar anzunehmen und zu erwidern. Für die organ­isatorische Seite benen­nen wir ruhig und konkret, was uns fehlt und was wir brauchen. Die Dusche kön­nen wir mit zwei, drei Hand­grif­f­en selb­st in Ord­nung brin­gen. Wir eini­gen uns auf zwei Nächte, wom­it alles einen pos­i­tiv­en Ver­lauf nimmt. Hat unser Flex­i­bil­ität­strain­ing über die Jahre also doch etwas genützt.

Dass Mind­ful­ness ein Prozess ist und immer wieder innere Arbeit bedeutet, haben wir wieder ein­mal ein­drück­lich erlebt — die tropfende Dusche und das Fußbad run­dum das Klo als Übung in Gelassen­heit. Für Organ­i­sa­tio­nen heißt das: Flex­i­bil­ität beweist sich nicht im Sem­i­nar­raum, son­dern dort, wo Erwartun­gen unaus­ge­sprochen bleiben und plöt­zlich nicht erfüllt wer­den. Wohl genau der richtige Boden für das näch­ste Gespräch mit Mönch Dor­ji Lopen Ugyen Son­am im Kloster Gangtey Goen­pa.

Wie gehen wir mit Erwartun­gen um, die nie­mand aus­ge­sprochen hat – bei uns selb­st und in unser­er Zusam­me­nar­beit?

Avatar-Foto
Ruth & Urs Bolter

Im lebhaften Austausch - beim Wandern, bei einer Tasse Kaffee, in der Pause - oder mit einer einfachen Frage, entstehen unsere Ideen und Texte. Inspiration findet sich überall - es gilt sie in Worte zu fassen und zu teilen.