
Gespannt folgen wir Karma, der im Tempel selbst nach unserer Kontaktperson sucht und schließlich einen jungen Mönch anspricht. Dieser nickt und beginnt sofort, ein kleines Podest einzurichten und Bodenmatten davor auszulegen. Langsam begreifen wir, dass unser Gespräch mitten im Tempel stattfinden wird. Da und dort erklären Guides ihren Gästen den Raum, und in der kommenden Stunde streifen uns immer wieder neugierige, verstohlene Blicke. Dann kommt Dorji Lopen Ugyen Sonam freundlich lächelnd auf uns zu, nimmt Platz und weist uns mit einer einladenden Geste unsere Plätze auf den Matten zu. Es ist mit Sicherheit das eindrücklichste „Besprechungszimmer“ unserer bisherigen Gespräche. Hätten wir die Szene in einem Roman gelesen, wir hätten sie für erfunden gehalten.
Am Vortag haben wir noch das Festival auf dem Vorplatz des Gangtey Goenpa bestaunt und die Tänzer aus dem Tempel schreiten sehen. Nun sitzen wir selbst darin, trinken Tee und freuen uns, dass unser Gastgeber während des Gesprächs genüsslich von unserem Gastgeschenk kostet, Mozartkugeln und Appenzeller Biberli. Er spricht Dzongkha, Karma übersetzt ins Englische, und was wir hier wiedergeben, ist deshalb sinngemäß.
Loslassen als Kern
Seine ersten Worte gelten unserer Reise. Dass wir uns entschieden haben, für unsere Studien nach Bhutan zu kommen, sei kein Zufall, sondern Ausdruck einer karmischen Verbindung. Man müsse nicht genau wissen, wonach man sucht, um auf einem guten Weg zu sein.
Gleich darauf führt er uns zur Essenz des Buddhismus, und damit gibt er uns, ohne dass wir danach gefragt hätten, seine Antwort auf unsere Fragen zu Erwartungen und Flexibilität. Alles im Leben verändert sich. Das Leiden beginnt dort, wo wir uns an Vergängliches klammern und es festhalten wollen. Befreiung entsteht, wenn es uns gelingt, nicht mehr an veränderlichen Freuden zu haften und den natürlichen Fluss der Veränderung anzunehmen. Wer das versteht, sieht die Menschen, die leiden und um ihre Erfolge kämpfen, und empfindet Mitgefühl mit ihnen, mit allen Wesen, auch mit den Tieren. Aus dieser inneren Freiheit von Erwartungen, so erklärt er, wachse eine gütige und geduldige Haltung. Man nehme die Mitmenschen und ihre Anliegen besser wahr, die negativen Energien verschwinden, und man spüre vor allem die eigene Kraft und ein tiefes Glücksgefühl.
Wie diese Haltung im Alltag aussieht, beschreibt er ganz konkret. Jeden Morgen, bevor die Mönche die Tür aufschließen und hinausgehen, denken sie zuerst an die anderen, damit sie den Tag mit genau dieser Einstellung beginnen. Alles Gute, das wir anderen tun, in Gedanken, Worten und Taten, trägt zum eigenen Glück bei.
Gleicher Rahmen für alle
Von hier aus tauchen wir in das Leben im Kloster ein. Für den Eintritt gibt es keine Altersgrenze, jeder kann jederzeit aus freien Stücken eintreten. Danach gelten für alle dieselben Rahmenbedingungen. Ob kleiner Junge oder älterer Mönch, alle essen, was alle essen, beten, wenn alle beten, und folgen demselben Tagesrhythmus. Unterschieden wird einzig in der Ausbildung, die sich nach Ausgangslage und Fähigkeiten des Einzelnen richtet. Die jungen Mönche kehren nicht zu ihren Eltern zurück, für sie sorgen die älteren.
Auf unsere Frage, wie Wirtschaft und Buddhismus zusammengehen, antwortet er mit Ethik: verstehen, was gut ist und was schlecht, keine Korruption, kein Stehlen. Diese Haltung, sagt er, geben die Eltern zu Hause und die Lehrpersonen in der Schule weiter.
GNH, Gelephu und unser Buch
Hinter Gross National Happiness und Gelephu Mindfulness City steht der Mönch vollumfänglich. Beides seien Vorhaben des Königs, und der vierte König, der GNH begründet hat, gilt ihm als Emanation des Buddhas des Mitgefühls. Diese Projekte helfen den Menschen und dem Land, sie spiegeln Werte, die tief in den Familien verwurzelt sind, und so werde sich das Glück vermehren. Gelephu werde gelingen, weil Buddhismus und GNH mitgenommen würden.
Dann möchte er wissen, wie wir nach unserer Rückkehr über GNH und Gelephu sprechen werden. Wir erzählen ihm von unserem Buch, von den Parallelen, die wir sehen, und davon, dass uns die Gespräche in Bhutan vor allem bestätigt und um feine Nuancen ergänzt haben.
Nachdem er sich erkundigt hat, ob wir wieder nach Bhutan kommen, gibt er uns zum Abschluss eine persönliche Botschaft mit: Schreibt euer Buch ohne Erwartungen, weder an Geld noch an Ruhm. Lasst es seinen Weg finden, und wenn sich Hindernisse zeigen, überwindet diese. Dann wird es jene finden, denen es helfen kann. Als wir ihm erklären, mit welcher Motivation wir das Buch schreiben, sagt er, es gebe nichts Größeres als das. Damit schließt sich der Kreis zum Anfang des Gesprächs.
Zum Schluss überrascht er uns mit dem Vorschlag, im Tempel ein Foto mit ihm zu machen. Was sonst nicht erlaubt ist, wird so zu einer schönen Geste des Hausherrn für unseren weiteren Weg.

Was Organisationen daraus lernen können
Ein Kloster ist keine Organisation wie jede andere, und vieles, was wir gehört haben, ist tief im buddhistischen Glauben verwurzelt. Übertragen lassen sich nicht die Lehren selbst, wohl aber die Fragen, die sie stellen. Das sind unsere Learnings aus diesem Gespräch:
Nicht das Streben ist das Problem, sondern das Festklammern. Ziele und Ehrgeiz gehören zu jeder Organisation. Schwierig wird es dort, wo wir uns an Wachstum, Status oder ein bestimmtes Ergebnis klammern. Wo wird bei uns aus Streben Gier, und woran würden wir es merken?
Offen bleiben für das, was sich zeigt. Wie viel Zielklarheit braucht eine Veränderung? Ein zu eng umrissenes Bild vom Ergebnis kann verhindern, dass sich etwas Besseres zeigt. Offenheit heißt dabei nicht Beliebigkeit, sondern die Bereitschaft, das eigene Bild loszulassen, wenn der Weg es verlangt.
Die Absicht vor der Tür. Die Mönche denken an die anderen, bevor sie die Tür öffnen. Mit welcher Absicht gehen wir in den Arbeitstag, in eine Sitzung, in ein schwieriges Gespräch? Führung beginnt vor der ersten Handlung.
Denken, Sprechen und Handeln im Einklang. Was der Mönch mit Gedanken, Worten und Taten beschreibt, nennen wir Integrität, eine der drei Qualitäten guter Führung, die auch Lhatu Lhatu im GNH Centre hervorgehoben hat. Ein einfacher Prüfstein für Organisationen: Passen unsere Werte, unser Leitbild, unsere Haltung und die Art der Umsetzung zusammen?
Gleicher Rahmen, unterschiedliche Begleitung. Im Kloster gelten für alle dieselben Rahmenbedingungen, die Anleitung aber richtet sich nach dem Entwicklungsstand, und die Erfahrenen tragen Verantwortung für die Jüngeren. Während in vielen bhutanischen Büros eine ganze Generation fehlt, ist die Kette hier intakt. Wie bewusst begleiten wir in unseren Organisationen die Jüngeren, und wer fühlt sich dafür verantwortlich?
Werte wachsen im Alltag. Die Haltung, von der der Mönch spricht, wird zu Hause und in der Schule weitergegeben, nicht über Leitsätze. Das bestätigt, was wir bei der Loden Foundation erlebt haben: Werte entstehen in Vorbildern, im täglichen Miteinander und in der Art, wie wir neue Menschen bei uns aufnehmen.
Mit welcher Absicht öffnen wir morgens die Tür – und woran halten wir fest, obwohl es längst Zeit wäre, loszulassen?