
In Thimphu haben wir zwei Gespräche geführt, die sich im Nachhinein wie zwei Seiten derselben Frage anfühlen: Was ist Glück – und wer wird es in Bhutan künftig gestalten?
Zu Gast im GNH Centre Bhutan

Im GNH Centre Bhutan nimmt sich Lhatu Lhatu eine Stunde Zeit für uns. Er leitet das Zentrum als Executive Director und war zuvor zwei Amtszeiten lang Mitglied des bhutanischen Parlaments. Das Zentrum versteht sich als Stimme für Gross National Happiness – gegenüber Wirtschaft, Schulen und Zivilgesellschaft und zunehmend auch international.
Ein Gedanke begleitet uns seither: In Dzongkha (Bhutans Landessprache) trägt der Begriff für Gross National Happiness zwei Bedeutungen, Glück und Frieden. Schon die Menschen, die der vierte König auf seinen Reisen zu Fuss durchs Land fragte, was sie sich wünschen, antworteten: Frieden und Glück, sonst nichts. Wenn wir das haben, sind wir zufrieden.
Offen spricht Lhatu Lhatu auch darüber, was Bhutan Sorgen macht. Viele junge Menschen verlassen das Land, vor allem Richtung Australien; der Premierminister nennt das eine existenzielle Bedrohung. Lhatu Lhatu hofft, dass die meisten nach dem Studium im Ausland zurückkehren und mitbringen, was Bhutan braucht.
Zwei junge Karmas an der Spitze

Wie Bhutans junge Generation Verantwortung übernimmt, erleben wir bei der Loden Foundation. Die Stiftung fördert seit 1999 Bildung, Kultur und junges Unternehmertum. Entstanden ist sie aus einer einzigen Spende von fünfzig Pfund. Heute führen sie zwei junge Männer, die beide Karma heissen: Karma Losel Yangnyen, 28, leitet die Stiftung, sein Kollege Karma Tshering, 29, verantwortet die Administration.
Dass so junge Menschen führen, ist kein Zufall. In vielen Büros fehlen die Menschen zwischen etwa 30 und 42 – sie sind in Australien. Wer bleibt, übernimmt früh Verantwortung.
Titel seien nur Titel, sagt Karma Losel Yangnyen. In der flachen Organisation entscheiden die Programmleitungen selbst; seine Aufgabe sei es, die anderen beim Erreichen ihrer Ziele zu unterstützen. Alle zwei Wochen führt er Einzelgespräche, und sein wichtigster Indikator ist dabei nicht die Leistung, sondern die Zufriedenheit. Wer zu Loden kommt, sucht nicht das grosse Gehalt, sondern Wirkung. Sind solche Menschen unzufrieden, macht die Organisation etwas falsch. Offen spricht er auch über Zweifel, etwa ob neue Formate den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen Zeit wegnehmen. Solche Zweifel, sagt er, helfen ihm, besser zu werden.
Und die Zukunft? Beide Karmas setzen Hoffnung in Gelephu Mindfulness City. Das Projekt sei besser, als nichts zu tun, sagt Karma Losel Yangnyen – vorher seien die Jungen einfach gegangen. Überzeugt habe ihn, wie der König das Projekt selbst vorgestellt habe: erst die Vision, dann die Schritte und das Warum, offen und für alle zugänglich. Und vielleicht zeige Gelephu der Welt, dass GNH nicht nur in Dörfern und Wäldern funktioniert, sondern auch in einer Stadt. Sein Kollege Karma Tshering sieht darin vor allem eine Chance für junge Menschen, im Land zu bleiben und für Bhutan zu arbeiten.
Was die beiden Gespräche verbindet
Beim Nachlesen ist uns aufgefallen, dass ein Wort in beiden Gesprächen wiederkehrt: Zufriedenheit. Für die Menschen, die der vierte König befragte, bedeutete sie Frieden und Glück. Bei Loden ist sie der wichtigste Massstab guter Führung. Und was Lhatu Lhatu sich für Bhutans Jugend erhofft, haben wir bei den beiden Karmas erlebt: junge Menschen, die Verantwortung übernehmen und an die Zukunft ihres Landes glauben.
GNH ist keine Theorie
Was uns in beiden Gesprächen am stärksten beeindruckt hat: Gross National Happiness ist in Bhutan keine Theorie, die in Strategiepapieren steht. Sie durchdringt den Alltag – im Staat, in der Gesellschaft und in Organisationen wie diesen beiden.
Im GNH Centre wird GNH erklärt, vermittelt und in die Welt getragen. Auf unsere Frage, ob die Ministerien heute noch danach entscheiden, antwortet Lhatu Lhatu: Es ist DNA, weil es von ganz oben kam.
Bei Loden dagegen spricht man kaum ausdrücklich über die neun Domänen als Orientierung für die Organisation. Man habe sie nicht an die Wand geklebt, sagt Karma Losel Yangnyen. Und doch finden wir sie überall: in den Kriterien für Kredite, die nur an Unternehmen gehen, die sozial, ökologisch und kulturell verantwortlich wirtschaften und Arbeitsplätze schaffen oder ihre Gewinne in der Gemeinschaft halten. In den «Power Fridays», die sich die Jüngeren im Team gewünscht haben. In der Absicht, den Vaterschaftsurlaub über die zehn Tage des Staatsdienstes hinaus zu verlängern. Und in der Frage nach der Zufriedenheit, die Karma Losel Yangnyen alle zwei Wochen stellt. Die Werte werden vorgelebt – vom König, vom Gründer der Stiftung – und von den Menschen weitergetragen.
Was Organisationen daraus lernen können
Bhutan ist ein besonderer Ort, mit eigener Geschichte und Kultur. Übertragen lassen sich nicht die Formen, wohl aber die Fragen dahinter – wo auch immer eine Organisation zu Hause ist. Das sind unsere ersten Learnings:
Werte wirken, wenn sie gelebt werden. Kein Leitbild ersetzt das Vorbild. In Bhutan kommt GNH von der Spitze und wird im Alltag sichtbar. Organisationen können sich fragen: Woran würde man bei uns erkennen, was uns wichtig ist – ohne ein einziges Plakat zu lesen?
Zufriedenheit ist ein Frühwarnsignal. Wenn Menschen, die wegen der Wirkung gekommen sind, unzufrieden werden, stimmt etwas nicht. Wer regelmässig nach Zufriedenheit fragt, noch vor der Leistung, erfährt früh, wo Unfrieden entsteht.
Wirkung ist der Massstab. GNH sei keine Absage an wirtschaftlichen Erfolg, betont Lhatu Lhatu. Unternehmen müssen wirtschaftlich bestehen können, sonst können sie weder überleben noch etwas geben. Die Frage sei, zu welchem Preis. Loden macht daraus klare Kriterien: Ein Unternehmen muss tragfähig sein, gefördert wird es aber für seine Wirkung.
Führung ist ein Dienst. Bei Loden sind Titel nur Titel, und Führung heisst, andere erfolgreich zu machen. Lhatu Lhatu nennt als Grundlage guter Führung Demut, Empathie und Integrität statt Stolz, Vorurteil und Ego. Dass dabei auch Zweifel Platz haben, macht Führung menschlicher, nicht schwächer.
Jungen Menschen früh Verantwortung zutrauen. In Bhutan ist das eine Notwendigkeit, weil eine Generation fehlt. Die beiden Karmas zeigen, was dann möglich ist. In vielen Ländern stehen Organisationen vor einem Generationenwechsel. Wie viel Verantwortung trauen wir Jüngeren zu – und wie begleiten wir sie dabei?
Kleine Praktiken verändern viel. Lhatu Lhatu rät, Mitarbeitenden gelegentlich einen freien Freitag zu geben; ihr Engagement steige dann spürbar. Bei Loden gibt es die «Power Fridays». Nicht jede Massnahme muss gross sein, um zu wirken.
Wir sind gespannt, welche dieser Learnings sich in den nächsten Gesprächen bestätigen – und welche wir wieder verwerfen.
Wie viel Frieden herrscht in unserer Zusammenarbeit – und fragen wir eigentlich danach, ob die Menschen zufrieden sind?