
Über Wochen hinweg hatten wir Wörter gesammelt. Auf Post-its, auf den Rückseiten von Notizen, auf einem großen Bogen Papier, der irgendwann unsere ganze Arbeitswand bedeckte. Wir wollten benennen, was wir in den Organisationen, mit denen wir arbeiten, immer wieder beobachten – diese eigentümliche Mischung aus Verbindung, Entwicklung und gemeinsamer Bewegung, für die uns kein bestehender Begriff genügen wollte. „Zusammenarbeit” war zu kurz gedacht, „Organisationsentwicklung” zu technisch, „Transformation” zu groß, „Kulturwandel” zu unscharf. Jeder Begriff hatte seine Berechtigung, und doch verfehlten alle den Kern dessen, was wir meinten.
Die Wand füllte sich, dann leerte sie sich wieder. Manche Wörter standen tagelang da, bevor wir sie abnahmen, andere flogen schon nach wenigen Stunden in den Papierkorb. Irgendwann merkten wir, dass uns das Sitzen vor dieser Wand nicht weiterbrachte, und taten, was wir oft tun, wenn ein Gedanke sich festfährt: Wir gingen los. Aus dem Büro hinaus, in die Natur, einfach den nächsten Weg entlang. Beim Gehen sind die Gedanken anders. Sie reihen sich nicht mehr säuberlich aneinander, sondern fließen, verbinden sich, lassen Raum zwischen sich. Und irgendwo zwischen einem Anstieg und einer Wegbiegung sprach einer von uns das Wort zum ersten Mal aus, und der andere hörte es, und beide wussten in derselben Sekunde: Das ist es.
Collaboraising.
Zwei Bewegungen in einem Wort
Collaboraising verbindet zwei Bewegungen, die wir bisher meist getrennt gedacht haben. Collaboration steht für das bewusste Zusammenwirken, für das Gemeinsame, das entsteht, wenn Menschen ihre Perspektiven, Stärken und Verantwortlichkeiten einbringen, statt nur nebeneinander zu funktionieren. Raising steht für das gegenseitige Erheben, für den Prozess des Lernens und Entwickelns, in dem niemand allein vorankommt, sondern alle Beteiligten miteinander wachsen.
Wenn wir von Raising sprechen, meinen wir ausdrücklich kein quantitatives Wachstum im Sinne von höher, schneller, weiter, sondern das Anheben der Qualität: der Beziehungen, des Bewusstseins für das Ganze, der Fähigkeit einer Organisation, über sich selbst hinauszuwachsen. Es geht um eine andere Art von Bewegung als jene, die wir aus Wachstumskurven kennen – eine Bewegung in die Tiefe und Breite, nicht nur in die Höhe.
Das Wort Collaboraising verbindet diese beiden Bewegungen, weil sie sich gegenseitig bedingen. Echtes Zusammenwirken erhebt die Beteiligten, und Menschen, die in ihrer eigenen Entwicklung ernst genommen werden, sind dazu in der Lage, sich auf ein gemeinsames Größeres einzulassen. Im Grunde beschreibt Collaboraising die bewusste Kultivierung dessen, was Michael Tomasello unser „Wir-Vermögen” nennt: die für Menschen so charakteristische Fähigkeit, kurzfristigen Eigennutz zugunsten gemeinsamer Ziele zurückzustellen und dadurch Institutionen, Kulturen und Organisationen entstehen zu lassen, die kein Einzelner je hätte schaffen können.
Reibung als Lebenszeichen
Collaboraising lebt von Unterschiedlichkeit und Widerspruch. Es braucht Irritation, Vielfalt und die Bereitschaft, eigene Überzeugungen prüfen zu lassen, denn nur dort, wo Sichtweisen aufeinandertreffen und sich aneinander reiben, entsteht jene Bewegung, aus der etwas Neues wachsen kann. Eine Organisation, in der alle dasselbe denken, ist im Grunde eine Echokammer und keine lebendige Gemeinschaft.
Deshalb braucht es eine ehrliche Basis, damit Zusammenarbeit nicht in die Falle des Groupthink tappt – jenes vertraute Phänomen, bei dem alles Abweichende leise ausgeblendet wird, bis die Gruppe in einer Scheinwelt ihrer eigenen Übereinstimmung abdriftet und dort dann oft Entscheidungen trifft, die kein einzelnes Mitglied für sich allein je treffen würde. Echte Zusammenarbeit hält Reibung aus, weil sie weiß, dass Reibung ein Zeichen von Beteiligung ist und nicht von Störung.
Viele Organisationen behandeln Zusammenarbeit noch immer wie ein Werkzeug, das man einsetzt, wenn es hakt, wenn Silos stören und Schnittstellen-Workshops Lösung bringen sollen, oder wenn Innovation gefragt ist und plötzlich „Kreativräume” eingerichtet werden. Unsere Erfahrung zeigt etwas anderes. Dort, wo Zusammenarbeit wirklich gelingt, verändert sich die Logik der Wertschöpfung selbst, und Leistung entsteht nicht trotz, sondern durch Beziehung und Dialog. Martin Buber hat es treffend formuliert: „Der Mensch wird am Du zum Ich.” Erst in der Resonanz mit anderen entfalten wir unser volles Potenzial, und dasselbe gilt für die Organisationen, in denen wir uns bewegen.
Mehr als ein neues Etikett
Wenn wir von Collaboraising Organisations® sprechen, meinen wir keine Idealbilder und keine perfekten Systeme, sondern Organisationen, die lebendig sind, lernfähig bleiben und verstanden haben, dass nachhaltige Wirkung dort entsteht, wo Entwicklung nicht verordnet, sondern gemeinsam gestaltet wird. Zusammenarbeit ist für uns kein Soft-Thema, sondern die eigentliche Infrastruktur einer Organisation, vergleichbar mit dem Wurzelwerk eines Waldes, das man nicht sieht und ohne das doch nichts wachsen könnte.
Ein neues Wort allein verändert noch keine Organisation, das wissen wir. Aber es kann eine Tür öffnen, hinter der ein anderer Blick möglich wird, und manchmal ist es genau dieser andere Blick, der den Unterschied macht zwischen einem weiteren Programm zur Effizienzsteigerung und einer wirklichen Entwicklung. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe von Sprache: nicht die Wirklichkeit zu beschreiben, wie sie ist, sondern sichtbar zu machen, was werden könnte, wenn wir es ernst nähmen.
