Was trägt, wenn alles vib­ri­ert

Fünf Stabilisatoren in Zeiten der KI-Disruption – ein Rückblick auf die AGORA 2026

Vor weni­gen Tagen standen wir in ein­er Indus­triehalle mit dreißig Vordenker:innen und Zukunftsgestalter:innen. Vor uns auf einem kleinen Tisch lag eine Holzschale mit fünf Steinen, die wir wenige Tage zuvor in Nor­we­gen, nördlich des Polarkreis­es, gesam­melt hat­ten. Hin­ter uns lagen zwei dichte Halb­tage AGORA, jenes For­mat, das Dr. Bern­hard von Mutius ein­mal jährlich zusam­men­ruft, ein Nach­mit­tag und ein Vor­mit­tag voller Gespräche über Men­schen, Robot­ics, KI und über die Frage, wo eigentlich die Zukun­ft unser­er Indus­trie liegt. Am Nach­mit­tag des zweit­en Tages, als die Runde schon viel miteinan­der erlebt hat­te, war die Rei­he an uns.

Mit dem Titel unseres Beitrages hat­te so nie­mand gerech­net: „Sta­bil­isatoren in der KI-Dis­rup­tion – was trägt, wenn alles vib­ri­ert?” Sei her­zlich ein­ge­laden mitzule­sen und mitzu­denken, weshalb wir glauben, dass diese Frage ger­ade jet­zt nicht aufgeschoben wer­den kann.

Die falsche Reak­tion: oper­a­tive Hek­tik

Du kennst das ver­mut­lich aus dein­er eige­nen Organ­i­sa­tion. KI über­schlägt sich, die Geschwindigkeit nimmt zu, und der Reflex ist fast über­all der­selbe: mehr Tem­po, mehr Tools, mehr Pro­jek­te, mehr Kon­trolle – mehr von allem, was wir schon ken­nen. Wir nen­nen das den Dampfkessel der oper­a­tiv­en Hek­tik. Da wer­den KI-Pro­jek­te aufge­set­zt, Piloten ges­tartet, Work­shops organ­isiert, und vieles davon ist gut gemeint, bleibt aber an der Ober­fläche dessen, was eigentlich ger­ade in Bewe­gung ist.

Vor einiger Zeit sind wir in Grön­land im Kajak einem Eis­berg sehr nah gekom­men, haben ihn umrun­det und sind dabei immer wieder davor gewarnt wor­den, nicht zu nahe her­anz­u­fahren, bis er sich plöt­zlich vor unseren Augen umkehrte: die Spitze, die wir ger­ade noch gese­hen hat­ten, ver­sank im eiskalten Meer, und die bish­er ver­bor­gene Unter­seite war zum ersten Mal der Sonne zuge­wandt. Es war ein Bild, das uns sei­ther nicht mehr loslässt, weil es etwas zeigt, was wir auch in Organ­i­sa­tio­nen immer wieder erleben.

Was sicht­bar ist – die Prozesse, die Struk­turen, die Tools – ist nur die Spitze, die eigentliche Dynamik liegt darunter, in den Hal­tun­gen, den Macht­bildern, den Beziehun­gen. KI ver­stärkt nicht nur, was bere­its da ist, son­dern ver­schiebt auch die Bedin­gun­gen, unter denen Struk­turen tra­gen, und so kön­nen selb­st gut funk­tion­ierende Struk­turen von heute bere­its mor­gen unter Druck ger­at­en. Nora Diet­rich, Exper­tin für men­tale Gesund­heit in der Arbeitswelt, spricht in diesem Zusam­men­hang vom organ­i­sa­tionellen Burnout – Organ­i­sa­tio­nen, die vor lauter Ini­tia­tiv­en aus­bren­nen –, und wir wür­den ergänzen: KI-Ini­tia­tiv­en ohne organ­i­sa­tionale Reife sind der sich­er­ste Weg dor­thin.

Fünf Steine, fünf Sta­bil­isatoren

Den Start unseres Beitrages bei der AGORA wid­me­ten wir der Meta­pher unser­er Steine. Ger­ade erst hat­ten wir diese am Polarkreis gesam­melt, an einem Ort, an dem die kli­ma­tis­chen Verän­derun­gen sehr stark spür­bar sind: Gletsch­er schmelzen, Küsten­lin­ien ver­schieben sich, das Land selb­st wan­delt sich vor unseren Augen. Und doch sind diese Steine das, was sie immer waren – Stein, der die Verän­derung in sich trägt, ohne von ihr aufgelöst zu wer­den. Genau das meinen wir, wenn wir von Sta­bil­isatoren sprechen: nicht das Ver­hin­dern von Verän­derung, son­dern die Fähigkeit, sie zu tra­gen.

Wir haben die Steine nacheinan­der aus der Schale her­ausgenom­men und in den Raum gelegt – einen für jeden Sta­bil­isator, einen nach dem anderen, sicht­bar in die Mitte, wo bish­er nichts war. Vielle­icht legst du beim Lesen deine eige­nen Steine gedanklich auch an einen Platz, wo vorher nichts war.

Sta­bil­isator 1: Verteilte Ver­ant­wor­tung

KI dezen­tral­isiert Wis­sen, und daraus fol­gt fast zwin­gend, dass auch Ver­ant­wor­tung dezen­tral­isiert wer­den muss – nicht als schönes Konzept, son­dern ganz konkret als Entschei­dung dort, wo Kom­pe­tenz und Kon­text zusam­menkom­men. Wir arbeit­en dabei mit dem Bild „Regler statt Schal­ter”, weil es nicht um eine binäre Wahl zwis­chen Men­sch und Mas­chine, zwis­chen zen­tral und dezen­tral geht, son­dern um das sit­u­a­tive Justieren: Manche Entschei­dun­gen trifft die KI bess­er, manche der Men­sch, und die meis­ten entste­hen am besten zusam­men, in klar verteil­ten Rollen.

Ver­ant­wor­tung wird in diesem Ver­ständ­nis nicht ein­fach vergeben, sie wird ausver­han­delt und sie wird por­tion­iert, in der Größe, die jemand tat­säch­lich tra­gen kann, denn was zu groß ist, erzeugt Über­forderung, und was zu klein bleibt, erzeugt bloß Aus­führende – und keines von bei­dem hil­ft uns in der KI-Ära weit­er.

Sta­bil­isator 2: Dia­log und kollek­tive Intel­li­genz

KI kann uns helfen, gute Fra­gen zu find­en, manch­mal sog­ar bril­lante, aber sie kann nicht spüren, welche Frage in diesem Raum, mit diesen Men­schen, in diesem Moment Bewe­gung erzeugt und welche nur Beschäf­ti­gung. Die größere Gefahr der KI scheint uns deshalb gar nicht zu sein, dass sie uns die Arbeit weg­n­immt, son­dern dass wir darüber ver­ler­nen, miteinan­der zu reden – dass wir dem Algo­rith­mus mehr ver­trauen als der Kol­le­gin und das Unge­sagte ignori­eren, weil die Dat­en ja stim­men.

In jed­er Organ­i­sa­tion gibt es Sätze, bei denen nie­mand wider­spricht, nicht weil alle ein­ver­standen wären, son­dern weil das Schweigen beque­mer ist; und Schweigen ist in Organ­i­sa­tio­nen keine Enthal­tung, son­dern eine Form der Bestä­ti­gung. Die Ver­suchung in der KI-Ära ist nun, dass wir uns kün­ftig hin­ter den Dat­en ver­steck­en, statt das Unbe­queme im Raum auszus­prechen, und genau dieser Ver­suchung muss man bewusst wider­ste­hen.

Sta­bil­isator 3: Bewusstes (Ent)Lernen

Für uns ist dies der zen­trale Sta­bil­isator der KI-Ära, und er hat zwei Seit­en, die zusam­menge­hören. Die eine Seite ist das Ler­nen: neue Fähigkeit­en auf­bauen, und zwar für alle, nicht nur für die IT-Abteilung, denn Lernzeit muss in der KI-Ära selb­stver­ständlich Arbeit­szeit sein. Die andere Seite ist schwieriger und in vie­len Organ­i­sa­tio­nen unbear­beit­et – das Entler­nen, das bewusste Loslassen alter Annah­men, die längst nicht mehr tra­gen, aber nie­mand wagt, sie auszus­prechen.

Wir meinen damit ganz konkret jene Sätze, die in unseren Organ­i­sa­tio­nen täglich nebeneinan­der existieren, ohne dass sich jemand traut, den Wider­spruch zu benen­nen:

„Zusam­me­nar­beit ist unser wichtig­stes Gut” – aber wir vergüten weit­er­hin Einzelleis­tung.

„Wir wollen Lernkul­tur” – aber wer einen Fehler macht, hat ein Kar­ri­ereprob­lem.

„Wir set­zen auf Ver­trauen” – aber jede Entschei­dung braucht drei Freiga­ben.

Das sind keine kleinen Unstim­migkeit­en, son­dern Sys­temwider­sprüche, und KI macht sie unbarmherzig sicht­bar, weil jede KI-Ini­tia­tive genau dort scheit­ern wird, wo das Sys­tem eine andere Sprache spricht als die Strate­gie. Rik Vera, ein bel­gis­ch­er Zukun­fts­forsch­er, bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass unsere Vor­stand­sräume auf Antworten kalib­ri­ert sind und nicht auf Fra­gen, dass KPIs keine Unsicher­heit messen und Aktionäre nicht für das Entler­nen applaudieren – und genau deshalb, so seine pointierte Schlussfol­gerung, out­sourcen wir unsere Neugi­er.

Sta­bil­isator 4: Radikale Fre­undlichkeit

Dass wir im Wirtschaft­skon­text von Fre­undlichkeit sprechen, mag über­raschen, und uns ist wichtig, gle­ich ein Missver­ständ­nis aus dem Weg zu räu­men: Wir meinen damit wed­er Net­tigkeit noch Har­monie um jeden Preis, son­dern eine bewusste Entschei­dung für einen respek­tvollen, zuge­wandten Umgang miteinan­der – ger­ade unter Druck, ger­ade bei Unter­schiedlichkeit, ger­ade im Kon­flikt. Fre­undlichkeit in diesem Sinn ist kein Gefühl, das sich ein­stellt, wenn die Lage gut ist, son­dern eine Hal­tung, die man wählt, ger­ade wenn die Lage es nicht hergibt.

In Zeit­en tech­nol­o­gis­ch­er Über­forderung brauchen Men­schen psy­chol­o­gis­che Sicher­heit, weil nie­mand lernt, der Angst hat, nie­mand exper­i­men­tiert, der Angst hat, und Men­schen sich aus Angst hin­ter Rou­ti­nen ver­steck­en, statt sich auf Neues einzu­lassen. Fre­undlichkeit ist deshalb kein Soft-The­ma, son­dern der soziale Schmier­stoff, der ver­hin­dert, dass KI-Verän­derun­gen in Wider­stand mün­den, und emo­tionale Ansteck­ung wirkt nach bei­den Seit­en: Angst vor KI ver­bre­it­et sich genau­so wie Neugi­er, und als Ver­ant­wortliche entschei­den wir mit, was wir vorsäen.

Sta­bil­isator 5: Die Kun­st der Bal­ance

In unserem Garten haben wir eine Slack­line ges­pan­nt, und wer ein­mal darauf ste­ht, lernt sehr schnell, dass Bal­ance nicht durch Still­stand entste­ht, son­dern durch ständi­ge, feine Kor­rek­turen – und wer zu heftig gegen­s­teuert, ver­stärkt die Schwingung und fällt. So ver­hält es sich auch mit KI: Es gibt die Aben­teuer­falle, alles auf KI zu set­zen ohne Fun­da­ment, und es gibt die Sicher­heits­falle, KI zu ignori­eren in der Hoff­nung, dass es vorüberge­ht, und die Kun­st liegt dazwis­chen, in ein­er Sta­bil­ität, die als Sprung­brett dient, denn wer nicht weiß, ob der Boden hält, springt nicht.

Was uns in der KI-Ära beson­ders unbe­quem auf­fällt, ist die Sug­ges­tion max­i­maler Effizienz, die jede Stelle ein­mal beset­zt, jeden Prozess auf Kante näht und jeden Puffer wegop­ti­miert – das funk­tion­iert, solange alles nach Plan läuft, und sobald etwas Unvorherge­se­henes ein­tritt, und das tut es immer, fehlen die Reser­ven. Redun­danz, so para­dox das klingt, ist deshalb keine Ver­schwen­dung, son­dern die Voraus­set­zung dafür, dass Men­schen den Sprung ins Neue über­haupt wagen.

Was Europa hat – und was du jet­zt tun kannst

Am Ende unseres Vor­trags haben wir auf die fünf Steine in der Mitte des Raumes gezeigt, sicht­bar, fass­bar, tra­gend, während draußen alles vib­ri­ert.

Europa hat etwas, das Sil­i­con Val­ley nicht hat, und es lohnt sich, das ohne falsche Beschei­den­heit auszus­prechen: Wir haben eine tiefe organ­i­sa­tionale Sub­stanz, eine Beziehungskul­tur, die über Gen­er­a­tio­nen gewach­sen ist, und ein Unternehmer­tum, das nicht auf den schnellen Exit schaut, son­dern auf die näch­ste Gen­er­a­tion. Das ist kein Rück­stand, son­dern ein Fun­da­ment – und genau dieses Fun­da­ment ist es, das wir brauchen, um KI ver­ant­wor­tungsvoll, men­schlich und nach­haltig in unsere Organ­i­sa­tio­nen zu inte­gri­eren.

Drei Ein­ladun­gen möcht­en wir dir mit­geben, die gle­ichen, mit denen wir den Vor­trag geschlossen haben.

Die erste ist eine Frage, die du in dein­er Organ­i­sa­tion offen und gemein­sam stellen kannst: Was müssen wir entler­nen, damit KI tat­säch­lich von Nutzen sein kann, und welche alten Annah­men hal­ten uns dabei zurück?

Die zweite ist eine Investi­tion­sentschei­dung: Investiere in die men­schliche Infra­struk­tur, nicht als Gegengewicht zur Tech­nolo­gie, son­dern als Voraus­set­zung für diese. Denn Ver­trauen, Dia­log und verteilte Ver­ant­wor­tung sind keine Kosten, son­dern die Investi­tion in einen wahren Wet­tbe­werb­svorteil.

Und die dritte ist eine Hal­tung: Öffne dich, ohne Angst, mit Neugi­er, mit Auf­bruch­stim­mung.

Unsere fünf Steine haben wir nach dem Vor­trag im Raum gelassen, und sie sind nun irgend­wo unter­wegs. Die Frage aber, die wir am Schluss in den Raum gestellt haben, gehört auch dir:

Wenn KI mor­gen 30 Prozent der Auf­gaben in dein­er Organ­i­sa­tion übernehmen würde – was würdest du mit der frei gewor­de­nen Energie tun? Und: Würde deine Organ­i­sa­tion das über­haupt zulassen?

Schreib uns gerne deine Gedanken. Wir freuen uns auf das Gespräch.

Dank an Dr. Bern­hard von Mutius und die AGO­RA-Runde für zwei Tage voller Sub­stanz, und an Peter Edel­mann für die Gast­fre­und­schaft.

Avatar-Foto
Urs Bolter

Als «Teilzeit-Copilot» helfe ich Organisationen dabei, die gewünschten Entwicklungen in einem qualitativen Miteinander zu meistern. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre ich ein weltreisender Arzt, Klempner, Architekt, Diplomat oder pädagogischer Unternehmer mit einer sportlichen Seite.