Was wür­den deine Großel­tern zu deinem All­t­ag sagen?

Eine kleine Übung, die spürbar macht: Wandel ist die Normalität – nicht die Ausnahme.

Bei mir zuhause ste­ht eine Näh­mas­chine. Sie gehörte mein­er Groß­mut­ter. Schwarz­er Lack, Gold-Orna­mente, ein gus­seis­ernes Ped­al, das man mit dem Fuß bewegt. Kein Strom, kein Dis­play, kein Blue­tooth. Wenn ich daran vor­beige­he, fasse ich manch­mal das Schwun­grad an und drehe es. Die Mas­chine läuft. Nach all den Jahren immer noch.

Daneben ste­ht ein Foto. Mein Groß­vater als Junge, seine Hand läs­sig auf dem Kinder­stuhl aufgestützt, mit seinen Eltern und Geschwis­tern aufgerei­ht für den Fotografen. Steife Kra­gen, ern­ste Blicke, eine Welt, die heute weit weg scheint. Wenn ich diese bei­den Dinge anschaue – die Näh­mas­chine und das Foto – wird mir jedes Mal bewusst, wie viel sich in zwei, drei Gen­er­a­tio­nen verän­dert hat. Und gle­ichzeit­ig: wie viel von dem Alten noch immer trägt.

Wir set­zen in unser­er Arbeit gerne eine Übung ein, die genau diesen Dop­pel­blick öffnet. Eine kleine Übung, die die Teil­nehmenden und uns jedes Mal innehal­ten lässt.

Die Übung

Wir laden dich ein, an deine Großel­tern zu denken. Stell dir vor, wie diese lebten, arbeit­eten und entsch­ieden, als sie selb­st so alt waren wie du heute. Welche Werte gal­ten? Was war selb­stver­ständlich? Welchen Stel­len­wert hat­te Arbeit – und welchen die Fam­i­lie? Wie wurde Ver­ant­wor­tung über­nom­men, wie der All­t­ag organ­isiert, wie die Zukun­ft gedacht?

Zunächst wird es still. Die Teil­nehmenden müssen sich erin­nern, einord­nen, manch­mal nach­denken, was sie eigentlich wis­sen und was sie sich nur aus­malen. Und dann wird es sehr lebendig. Geschicht­en kom­men, Bilder, Anek­doten. Jemand erzählt von der Groß­mut­ter auf dem Bauern­hof, wo gen­er­a­tio­nenüber­greifend Arbeit und Fam­i­lie als eine Ein­heit gal­ten und wo sie bis ins hohe Alter selb­stver­ständlich jeden Tag mithalf. Jemand anderes von dem Groß­vater, der in einem Beruf alt wurde, den seine Enke­lin nicht mehr ausüben kön­nte – weil es ihn so nicht mehr gibt. Jemand erin­nert sich an die Selb­stver­ständlichkeit, mit der die Großel­tern in einem Dorf lebten, in einem Glauben, in ein­er poli­tis­chen Ord­nung, die sich nicht hin­ter­fra­gen ließ.

Und plöt­zlich wird etwas spür­bar, das man weiß und doch ständig ver­gisst:

Wan­del ist keine Aus­nahme. Wan­del ist die Nor­mal­ität.

Was uns heute oft als bedrohliche Beschle­u­ni­gung erscheint – die KI, die alles auf den Kopf stellt, neue Arbeits­for­men, sich auflösende Sicher­heit­en – ist im Grunde die Fort­set­zung ein­er Entwick­lung, die seit Gen­er­a­tio­nen läuft. Unsere Großel­tern haben sie erlebt. Ihre Großel­tern auch. Was sich verän­dert, ist das Tem­po. Was bleibt, ist die Tat­sache, dass sich vieles verän­dert.

Und dann die zweite Frage

Wenn die Bilder noch nach­hallen, stellen wir eine zweite Frage. Eine, die oft schw­er­er wiegt als die erste:

Wie sehr haben sich Organ­i­sa­tio­nen eigentlich mitverän­dert?

An dieser Stelle wird es nach­den­klich im Raum. Denn die ehrliche Antwort lautet meis­tens: weniger, als wir denken.

Während sich Gesellschaft, Tech­nolo­gie und Lebensen­twürfe ras­ant entwick­elt haben, organ­isieren sich viele Unternehmen intern noch immer nach Logiken aus ein­er anderen Zeit. Struk­turen, Führungs­bilder, Entschei­dungsmech­a­nis­men wirken erstaunlich ver­traut. Fast so, als hät­ten sie den gesellschaftlichen Wan­del höflich zur Ken­nt­nis genom­men – ihn aber nie wirk­lich herein­ge­lassen.

Wir tra­gen Smart­phones in der Tasche, die unsere Großel­tern für Magie gehal­ten hät­ten. Wir arbeit­en mit Men­schen zusam­men, die wir noch nie per­sön­lich getrof­fen haben. Wir leben in Fam­i­lienkon­stel­la­tio­nen, die vor fün­fzig Jahren als undenkbar gal­ten. Aber die Organ­i­gramme, die unseren Arbeit­sall­t­ag rah­men, sehen oft aus wie damals. Die Annahme, dass oben gedacht und unten aus­ge­führt wird, sitzt tief. Die Idee, dass Ver­ant­wor­tung an Posi­tion hängt und nicht an Auf­gabe, ist immer noch der Nor­mal­fall. Die Vorstel­lung, dass Verän­derung von ein­er Spitze geplant und nach unten aus­gerollt wer­den kann, prägt unzäh­lige Trans­for­ma­tion­spro­gramme.

Dabei ist die Welt längst eine andere.

Was die Näh­mas­chine erzählt

Zurück zu der Mas­chine bei mir zu Hause. Sie funk­tion­iert noch. Sie ist solide gebaut, ehrlich kon­stru­iert, jedes Teil hat seinen Zweck. Wenn ich heute einen Saum nähen wollte, kön­nte ich sie nutzen. Aber nie­mand käme auf die Idee, eine Schnei­derei mit dieser Mas­chine zu betreiben. Nicht, weil sie schlecht wäre. Son­dern weil sich die Anforderun­gen verän­dert haben – die Stoffe, die Stück­zahlen, die Geschwindigkeit, die Wet­tbe­werb­slogik, die Lebensweisen der Men­schen, die diese Klei­dung tra­gen.

So geht es mir oft mit Organ­i­sa­tio­nen, in denen ich arbeite. Sie sind nicht schlecht gebaut. Vieles, was wir heute als „ver­al­tet“ beschreiben, war zu sein­er Zeit klug, sin­nvoll, sog­ar fortschrit­tlich. Hier­ar­chis­che Struk­turen, klare Stel­lenbeschrei­bun­gen, lin­eare Kar­ri­erep­fade – das alles hat­te gute Gründe. Es passte zu ein­er Welt, in der Auf­gaben wieder­hol­bar waren, Wis­sen knapp und Vorher­sag­barkeit ein Wert für sich.

Aber die Welt, in der diese Struk­turen ent­standen sind, gibt es so nicht mehr. Genau wie meine Näh­mas­chine in eine andere Zeit gehört.

Und das ist der entschei­dende Punkt: Es geht nicht darum, das Alte zu entwerten. Die Mas­chine ist nicht falsch, weil sie alt ist. Sie ist schön, sie funk­tion­iert, sie erzählt eine Geschichte. Aber sie ist nicht das Werkzeug für das, was heute anste­ht. Genau dieser Über­gang – von „das war richtig“ zu „das passt nicht mehr“ – ist ein wiederkehren­des The­ma. Er tut weh, weil er Ehrlichkeit ver­langt, ohne das Ver­gan­gene zu entwerten. Er ist keine Abrech­nung. Er ist Rei­fung.

Was die Übung in Gang set­zt

Wenn wir die Großel­tern-Übung in einem Work­shop machen, geht es nicht darum, Nos­tal­gie zu weck­en oder die Ver­gan­gen­heit zu roman­tisieren. Es geht darum, einen Per­spek­tivwech­sel zu erzwin­gen, der im All­t­ag fast unmöglich ist.

Im All­t­ag sind wir in unsere eige­nen Selb­stver­ständlichkeit­en so tief einge­woben, dass wir sie nicht mehr sehen. Wir hal­ten unsere Arbeitsweise für nor­mal, unsere Struk­turen für gegeben, unsere Annah­men für Real­ität. Erst wenn wir zwei oder drei Gen­er­a­tio­nen zurückschauen, sehen wir: Was uns nor­mal erscheint, ist nicht zeit­los. Es ist die Nor­mal­ität unser­er Epoche. Was heute selb­stver­ständlich erscheint, war vor sechzig Jahren undenkbar. Was uns heute undenkbar erscheint, kön­nte in dreißig Jahren selb­stver­ständlich sein.

Diese Ein­sicht hat eine dop­pelte Wirkung. Sie macht demütig – wir sind nicht der End­punkt der Geschichte. Und sie macht mutig – wenn so viel möglich war, ist auch heute noch viel möglich. Bei­des brauchen Organ­i­sa­tio­nen, die sich entwick­eln wollen. Demut, um die eigene Geschichte nicht zu über­höhen. Mut, um nicht in ihr steck­en zu bleiben.

Urs hat in seinem Beitrag zur AGORA 2026 das bewusste Entler­nen als den vielle­icht wichtig­sten Sta­bil­isator unser­er Zeit beschrieben. Die Großel­tern-Übung ist im Grunde ein kleines Werkzeug dafür. Sie macht sicht­bar, was wir mitschlep­pen, ohne es zu wis­sen. Und das ist die Voraus­set­zung dafür, dass wir bewusst wählen kön­nen, was wir behal­ten und was wir loslassen.

Aussprechen

Wenn du bis hier­her gele­sen hast, ist die Übung im Grunde schon passiert. Die Bilder waren da, der Ver­gle­ich auch, das leise Wis­sen, dass die alten For­men oft nicht mehr passen.

Was jet­zt fehlt, ist nicht die näch­ste Meth­ode. Was fehlt, ist das Aussprechen.

Eine neue Form braucht es. Und sie entste­ht nicht von selb­st. Sie braucht Men­schen, die den Mut haben, das Offen­sichtliche zu benen­nen – auch wenn die Antwort noch nicht fer­tig ist.

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Ruth Bolter

Ich öffne Räume, in denen Verbindungen entstehen können — über Sprachen, Kulturen und Kontexte hinweg. Meine internationale Arbeit hat mir gezeigt, wie viel dort möglich wird, wo echte Begegnung Raum findet. Das inspiriert mich, und das teile ich gerne.