Was ver­s­tummt, wenn alle nick­en

Warum Organisationen unbequeme Stimmen brauchen – und wie sie sie schützen.

Im Spät­mit­te­lal­ter durfte der Hof­narr Dinge aussprechen, die son­st nie­mand zu sagen wagte. Nicht, weil er klüger war als alle anderen. Son­dern weil ihm eine Son­der­rolle zuge­s­tanden wurde: die Lizenz, unbe­queme Wahrheit­en humor­voll zu ver­pack­en. Natür­lich war auch er nicht völ­lig frei – ging er zu weit, kon­nte die Gun­st schnell kip­pen.

Seine Frei­heit war ein Hoch­seilakt, kein Freib­rief. Aber genau dieser geschützte Sta­tus machte ihn unbezahlbar: Er kon­nte dem König den Spiegel vorhal­ten, solange er die Form wahrte. Kein Bonus, kein Eck­büro, kein Park­platz mit Namenss­child – und ger­ade deshalb hat­te er weniger zu ver­lieren als alle anderen im Raum.

Der Jester (engl.) gehört inzwis­chen fest in unser eigenes Arbeit­steam. Und ich bin überzeugt: Unternehmen bräucht­en ihn heute drin­gen­der denn je. Denn in vie­len Organ­i­sa­tio­nen hängt das, was man sagen darf, sehr genau davon ab, wo man sitzt und was man noch erre­ichen will. Wer weit­erkom­men möchte, lernt schnell, welche Zweifel man bess­er für sich behält. So ver­schwindet die Stimme, die uns am meis­ten nützen würde – leise, frei­willig, fast unbe­merkt.

Woran man Jesters Stimme erken­nt

Der Jester wider­legt nicht. Er schärft. Er fasst nichts zusam­men, erk­lärt nichts, weiß nichts bess­er – und ist trotz­dem auf eine fast ärg­er­liche Weise meis­tens näher an der Wahrheit als das ganze Pro­tokoll. Er taucht genau dort auf, wo wir beson­ders sich­er klin­gen: wo ein Begriff zu glatt wird, wo Moral bequem klingt, wo Macht so ele­gant umschrieben wird und sich selb­st kurz für nett hält.

Seine Kom­mentare sind kurz, manch­mal humor­voll, manch­mal unbe­quem. Gele­gentlich ein wenig spöt­tisch. Doch immer im Dienst der­sel­ben Sache: Klarheit.

Der Jester erin­nert mich daran, dass jede Organ­i­sa­tion in der Span­nung zwis­chen Anspruch und Wirk­lichkeit lebt. Wir schätzen den Jester für seine mah­nende Stimme und lassen ihn in unseren Tex­ten auch immer wieder selb­st zu Wort kom­men – als zweite Erzählstimme.

Lassen wir ihn doch beispiel­haft gle­ich selb­st sprechen:

Der rei­bungslose Kon­sens im Meet­ing ist sel­ten ein Zeichen von Klarheit. Oft ist er ein Zeichen dafür, dass jemand etwas nicht gesagt hat. Wo Gedanken zu glatt fließen, bleibt das Unaus­ge­sproch­ene ver­bor­gen. Konzepte überzeu­gen nur dann nach­haltig, wenn die Zweifel aktiv bear­beit­et wur­den.

Warum sollte irgend­je­mand frei­willig Ver­ant­wor­tung übernehmen, wenn die Kom­fort­zone so her­rlich gepol­stert ist? Warm. Berechen­bar. Mit klar­er Auf­gabenbeschrei­bung und der beruhi­gen­den Gewis­sheit: Wenn etwas schiefge­ht, war es nicht meine Entschei­dung.

Ich frage das nicht iro­nisch. Ich frage es ern­sthaft. Denn seien wir ehrlich: Organ­i­sa­tio­nen haben uns jahrzehn­te­lang sehr erfol­gre­ich beige­bracht, dass Ver­ant­wor­tung gefährlich ist. Wer Ver­ant­wor­tung übern­immt, macht sich sicht­bar. Wer sicht­bar ist, macht Fehler. Und wer Fehler macht, bekommt sie – nun ja – gründlich erk­lärt.

Da wun­dert es mich kein biss­chen, wenn Men­schen sagen: „Nein danke, ich bleibe hier. In mein­er Rolle. Hin­ter mein­er Check­liste.“ Ver­ant­wor­tung als Dauer­stress. Ver­ant­wor­tung als Allein­sein. Ver­ant­wor­tung als Erwartung, alles zu wis­sen und jed­erzeit sou­verän zu wirken. Das ist kein Ange­bot. Das ist eine Abschreck­ung.

Ich habe sel­ten Men­schen gese­hen, die auf­blühen, weil sie nichts entschei­den durften. Ich habe viele gese­hen, die müde wur­den, weil sie zwar alles aus­führen mussten, aber nichts gestal­ten kon­nten.

Also warum Ver­ant­wor­tung übernehmen? Nicht, weil man muss. Nicht, weil es im Leit­bild ste­ht. Son­dern, weil es erstaunlich lebendig macht. Und wenn jemand trotz­dem lieber auf dem Sofa bleibt? Dann wäre meine einzige Bitte: Sorgt wenig­stens dafür, dass das Sofa nicht entschei­det, wohin die Reise geht.

Tabellen beruhi­gen uns. Sie sug­gerieren, dass alles in Zellen passt. Ursache links, Wirkung rechts. Und dazwis­chen ein sauber­er Pfeil, am besten in Cor­po­rate-Blau. Kom­plexe Prob­leme aber haben die unan­genehme Eigen­schaft, sich nicht an unsere Struk­tur zu hal­ten. Sie verän­dern sich, während wir sie analysieren – unge­fähr so koop­er­a­tiv wie eine Katze beim Tier­arzt.

Das Prob­lem ist nicht, dass wir rech­nen. Das Prob­lem ist, dass wir glauben, wir kön­nten Kom­plex­ität berech­nen. Und weil das schw­er auszuhal­ten ist, reagieren Organ­i­sa­tio­nen mit Verkramp­fung: Mehr Regeln, mehr Freiga­beschlaufen, mehr Doku­men­ta­tion. Und wenn gar nichts mehr hil­ft, eine Mitar­beiterum­frage – damit sich die Schreck­starre wenig­stens par­tizipa­tiv anfühlt. Das nen­nt man dann Struk­tur. Oft ist es nur Angst in Tabel­len­form.

Das ist der Jester. Kurz und klar, manch­mal humor­voll und manch­mal unbe­quem.

Warum Organ­i­sa­tio­nen Jester-Qual­itäten brauchen

Es geht nicht darum, Recht zu behal­ten, son­dern um die Fähigkeit, sich wider­sprechen zu lassen. Und vielle­icht geht es genau darum in Organ­i­sa­tio­nen, die wirk­lich zusam­me­nar­beit­en wollen: Räume schaf­fen, in denen Wider­spruch nicht als Störung gilt, son­dern als Schutz vor Selb­st­täuschung.

Das ist anstren­gen­der, als es klingt. Einen Jester auszuhal­ten bedeutet, Kri­tik nicht als Angriff zu lesen, son­dern als Geschenk. Zugegeben: als eines dieser Geschenke, die man sich nicht gewün­scht hat und trotz­dem behal­ten muss.

Es bedeutet, die Per­son zu schützen, die als Erste den Kopf aus der Deck­ung nimmt. Und es bedeutet, der eige­nen ersten Reak­tion zu mis­strauen – jen­em beiläu­fi­gen „Hm“, welch­es ein ganzes Team ver­s­tum­men lässt.

Frag dich also: Wo hast du in dein­er Organ­i­sa­tion Jester-Qual­itäten? Wer darf fra­gen: „Seid ihr euch da wirk­lich so sich­er?“ – ohne dafür zu bezahlen? Und wenn dir nie­mand ein­fällt – ist das vielle­icht die eigentliche Antwort?

Der Jester wird dir nicht sagen, was du denken sollst. Er wird dich nur fra­gen, ob du sich­er bist. Und falls du dich gele­gentlich ertappt fühlst – dann wirkt er.

Und ganz neben­bei arbeitest du damit kon­se­quent an der so drin­gend benötigten Dia­log-Qual­ität. Die Jester-Rolle lässt sich übri­gens ganz leicht, unspek­takulär und fast ohne Aufwand üben: So wie du in ein­er Sitzung die Rollen verteilen kannst – jemand mod­eriert, jemand pro­tokol­liert, jemand achtet auf die Zeit –, so kannst du auch die Jester-Qual­ität bewusst als Rolle in Meet­ings beset­zen. Ein Ver­such wird gle­ich mit ersten konkreten Erfahrun­gen belohnt. Viel Glück!

Avatar-Foto
Urs Bolter

Als «Teilzeit-Copilot» helfe ich Organisationen dabei, die gewünschten Entwicklungen in einem qualitativen Miteinander zu meistern. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre ich ein weltreisender Arzt, Klempner, Architekt, Diplomat oder pädagogischer Unternehmer mit einer sportlichen Seite.