Bhutan: Gren­zen acht­en, Wan­del wagen

Zwei Begegnungen an zwei Hochschulen: mit einer Dozentin, die Tragfähigkeit ernst nimmt, mit einem Lecturer, der den Wandel Bhutans offen benennt, und mit jungen Menschen zwischen Elternhaus, Staatsstelle und Gelephu.

Ser­ki Wang­mo, Dozentin am Col­lege of Nat­ur­al Resources, Lobe­sa

Zwis­chen den bei­den Gesprächen liegen nur drei Tage. Das erste führen wir am Col­lege of Nat­ur­al Resources in Lobe­sa mit der Dozentin Ser­ki Wang­mo. Das zweite führen wir in Thim­phu mit Khi­na Maya, Pema Kumari, Lesh Kumari und Son­am Ugyen, die am Roy­al Thim­phu Col­lege Envi­ron­men­tal Man­age­ment studieren, und mit ihrem Lec­tur­er Tshe­wang Dor­ji. Im Rück­blick kommt es uns vor, als hät­ten wir zweimal an der­sel­ben Frage gear­beit­et: ein­mal aus der Sicht der­er, die lehren, und ein­mal aus der Sicht der­er, die bald ins Beruf­sleben auf­brechen. Was muss man schützen, damit etwas Gutes beste­hen bleibt, und wo muss man sich bewe­gen, damit es nicht erstar­rt?

Wie viel verträgt ein Land?

Ser­ki Wang­mo unter­richtet seit 2015 am Col­lege of Nat­ur­al Resources in Lobe­sa, im Depart­ment of Sus­tain­able Devel­op­ment, unter anderem Öko­touris­mus und gemein­schafts­basiertes Ressourcen­man­age­ment. Als wir mit ihr über Touris­mus und Entwick­lung sprachen, fiel ein Begriff, der uns sei­ther begleit­et: car­ry­ing capac­i­ty, Tragfähigkeit. Bhutan sei klein, das Ökosys­tem frag­il, und das Land habe eine Belas­tungs­gren­ze. Deshalb gehe es darum, nicht nur die finanzielle Dimen­sion zu sehen, son­dern auch die Natur und das Wertesys­tem zu schützen. Man wolle GNH, Glück und Wohlbefind­en nicht ver­wässern.

Dass Tragfähigkeit nicht nur die Natur bet­rifft, zeigte sich, als sie von ihrem Stu­di­en­gang erzählte. Externe Exam­i­na­toren hat­ten emp­fohlen, ihn stärk­er auf Umwelt auszuricht­en. Das Depart­ment hält dage­gen, weil zu nach­haltiger Entwick­lung auch Wirtschaft und Soziales gehören, und sucht bewusst die Bal­ance, obwohl ihm Lehrende für Wirtschaft fehlen. Eine aus­geschriebene Stelle blieb lieber unbe­set­zt, als sie mit Men­schen zu füllen, die das Komi­tee nicht für geeignet hielt. Auch so nimmt man die eigene Tragfähigkeit ernst: Man hält lieber eine Lücke aus, als zu ver­wässern, was einen aus­macht.

Ein fre­undlich­er Raum zum Ler­nen

Beson­ders berührt hat uns, wie selb­stver­ständlich Ser­ki Wang­mo über die Atmo­sphäre in ihrem Unter­richt sprach. Der Unter­richt müsse fre­undlich sein, sagte sie, son­st wür­den ger­ade die Zurück­hal­tenden nicht antworten und sich nicht beteili­gen. Deshalb dür­fen ihre Studieren­den ihr auch per What­sApp Fra­gen stellen. Sie richtet Foren auf der Lern­plat­tform ein und bit­tet regelmäßig um Rück­mel­dung, was sie an ihrem Unter­richt verbessern kann. Die Studieren­den ste­hen im Mit­telpunkt: Sie erforschen The­men selb­st, präsen­tieren, disku­tieren und helfen einan­der, und die Lehren­den ler­nen dabei von ihnen. Bew­ertet wird trotz­dem indi­vidu­ell, zum Teil auch über gegen­seit­iges Feed­back, und wer ein Mod­ul nicht beste­ht, bekommt eine zweite Chance.

In Organ­i­sa­tio­nen nen­nen wir das psy­chol­o­gis­che Sicher­heit. Ser­ki Wang­mo sagt es ein­fach­er: Men­schen beteili­gen sich, wenn sie keine Angst haben müssen. Wir erzählten ihr, wie sehr es uns erstaunt, dass hier selb­st ein Paar vor seinem Haus spon­tan von Gross Nation­al Hap­pi­ness spricht. Ihre Antwort: GNH sei nicht verord­net wor­den, es sei ganz natür­lich gewach­sen. Die Idee stamme vom König, aber gelebt, gelehrt und in Entschei­dun­gen ver­ankert werde sie von vie­len.

Zuerst die Älteren

Khi­na Maya, Pema Kumari, Lesh Kumari und Son­am Ugyen, Roy­al Thim­phu Col­lege (v. l. n. r.)

Drei Tage später sitzen wir in Thim­phu mit den vier Studieren­den und Tshe­wang Dor­ji zusam­men. Alle vier sind im let­zten Jahr ihres Studi­ums. Bevor das Gespräch begin­nt, gibt es Tee, Teigrollen mit Gemüse und eine Chilisauce, die für uns defin­i­tiv zu scharf ist. Serviert wird zuerst den Ältesten. Das sei eine Form von Respekt, erk­lären uns die vier, die sie auch zu Hause in der Fam­i­lie leben.

Wir fra­gen, was Glück für sie bedeutet. Die Antworten: gute Tage mit Fam­i­lie und Fre­un­den, tun kön­nen, was man gerne tut, sich lebendig fühlen. Eine Stu­dentin sagt, Glück heiße für sie, ihre Ver­ant­wor­tung gegenüber den Eltern zu erfüllen, zurück­zugeben und dankbar zu sein. «We are born with GNH», sagt eine andere. Am Ende des Gesprächs fällt ein Satz, der uns in sein­er Ehrlichkeit beein­druckt hat: «We under­stand maybe 50 % of GNH.»

Auch bei großen Entschei­dun­gen redet die Fam­i­lie mit. Bei der Stu­di­en­wahl haben Geschwis­ter oder der Vater mitentsch­ieden, nur jemand von den vieren hat selb­st gewählt, und alle wohnen noch bei den Eltern. Trotz­dem hat­ten wir den Ein­druck, dass Respekt vor den Älteren für diese Gen­er­a­tion nicht zwin­gend heißt, ein ganzes Leben mit den Eltern unter einem Dach zu ver­brin­gen.

Sicher­heit zuerst und die Hoff­nung auf Gele­phu

Nach dem Studi­um blick­en alle vier nach Gele­phu, wo die Gele­phu Mind­ful­ness City entste­ht. Sie hof­fen auf Chan­cen für junge Men­schen, auf gute Löhne und darauf, dass die Jugen­dar­beit­slosigkeit sinkt. Erste Wahl bleibt aber eine Stelle beim Staat, weil sie sich­er ist. Erst wenn das nicht klappt, «we need to think for our­selves». Eine Stu­dentin wün­scht sich, dass die Kluft zwis­chen den vorhan­de­nen Stellen und den Erwartun­gen an die Arbeit klein­er wird.

Das Aus­land ist in fast jed­er Fam­i­lie präsent. Die Schwest­er eines Stu­den­ten lebt in Perth. Der Abstand habe ihre Beziehung enger gemacht, erzählt er, und er habe gemerkt, dass er nicht dankbar genug war, als die Schwest­er noch da war. Andere erleben das Gegen­teil: Bei Ange­höri­gen, die im Aus­land leben, hat sich die Hal­tung verän­dert. Der Brud­er, der in den Ferien aus Kana­da heimkommt, isst lieber auswärts und west­lich als mit den Eltern. Abstand kann verbinden oder ent­frem­den, und oft weiß man vorher nicht, was davon geschieht.

Werte bewahren heißt sich bewe­gen

Den deut­lich­sten Satz des Tages sagt Tshe­wang Dor­ji. Er ist in ein­er Bauern­fam­i­lie auf dem Land aufgewach­sen, hat später im Staats­di­enst gear­beit­et und unter­richtet heute Umweltwissenschaften. GNH sei Bhutans gelebte Wirk­lichkeit und die Grund­lage aller Geset­ze. Und doch ger­ate es unter Druck, durch Glob­al­isierung, Tech­nolo­gie, Abwan­derung und Kli­mawan­del. Touris­mus und Wasserkraft, von denen das Land lebt, seien bei­de gefährdet, die Gletsch­er schmelzen. Seine Fol­gerung ist wed­er Abschot­tung noch Res­ig­na­tion, son­dern bei­des zugle­ich: wach­samer wer­den und sich öff­nen. «Bhutan is chang­ing, you can­not stop it.» Die Frage sei, wie man rel­e­vant bleibt.

Was wir mit­nehmen

Nebeneinan­der gele­sen ergeben die bei­den Gespräche ein Bild, das auch für Organ­i­sa­tio­nen gilt. Wer seine Werte bewahren will, muss die eigene Tragfähigkeit ken­nen und schützen. Zugle­ich muss er sich bewe­gen, denn Werte, die man nur kon­serviert, erre­ichen irgend­wann nie­man­den mehr. Dazwis­chen liegt etwas sehr Unspek­takuläres, das wir bei Ser­ki Wang­mo erlebt haben: ein fre­undlich­er Raum, in dem auch die Leisen etwas sagen. In einem solchen Raum kön­nen junge Men­schen aussprechen, was sie sich erhof­fen, Sicher­heit, Gele­phu, ein eigenes Leben, ohne den Respekt vor denen zu ver­lieren, die vor ihnen da waren.

Was schützen wir in unseren Organ­i­sa­tio­nen, damit es trägt, und wo müssten wir uns bewe­gen, damit es lebendig bleibt?

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Ruth & Urs Bolter

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