Divine Mad­man – oder wie aus einem Mit­tagessen der Takin ent­stand

Bevor Drukpa Kunley sein Wunder vollbrachte, verlangte er ein Mittagessen – und aus den Resten entstand der Takin. Auf unserer Reise durch Bhutan sind wir dem "Göttlichen Verrückten" und den Atsaras begegnet, den Clowns der Tempelfeste. Sie zeigen, warum ein Land, das Glück zum Staatsziel erklärt, ausgerechnet seine Spötter ehrt – und was Organisationen daraus über Widerspruch lernen können.

Die Leute woll­ten ein Wun­der sehen, doch Druk­pa Kun­ley wollte erst ein­mal essen. So erzählt man es sich in Bhutan: Als der wan­dernde Lama vor gut 500 Jahren durchs Land zog, drängten ihn die Men­schen, seine Kräfte zu zeigen. Er ver­langte zuerst ein Mit­tagessen: eine ganze Kuh und eine ganze Ziege. Er aß bei­des auf, bis nur noch Knochen übrig waren. Dann set­zte er den Ziegenkopf auf das Kuhgerippe, schnippte mit den Fin­gern, und das selt­same Tier stand auf und trot­tete davon in die Berge.

Sei­ther grast der Takin an Bhutans Hän­gen, heute Nation­alti­er. Er sieht aus, als hätte man ihn zusam­menge­set­zt. Was er, wenn man der Leg­ende glaubt, ja auch ist.

Mehr Lek­tion passt kaum in eine Geschichte: Druk­pa Kun­ley liefert nicht, was man bestellt – oder doch? Ganz bes­timmt aber anders als erwartet. Auf seine Weise.

Der “Göt­tliche Ver­rück­te”

Druk­pa Kun­ley (ca. 1455–1529) war ein ordiniert­er Lama, der dem Kloster den Rück­en kehrte, ohne sein­er Tra­di­tion je den Rück­en zu kehren. Er lehrte in Liedern, mit Derb­heit und Pro­voka­tion. Er spot­tete über Fröm­melei, Macht­ge­habe und leere Rit­uale. Er weck­te Men­schen, indem er sie irri­tierte.

Wir standen in diesen Tagen in Chi­mi Lhakhang, dem Frucht­barkeit­stem­pel auf «seinem» Hügel. Paare kom­men von weit her, um sich seg­nen zu lassen. An vie­len Häusern im Land prangen bis heute die unüberse­hbaren Sym­bole sein­er Lehre. Wer dabei ein Schmun­zeln unter­drückt, hat die Lek­tion ver­passt.

Die Clowns, die keine Clowns sind

Kurz zuvor hat­ten wir an den Tshechus in Thim­phu und Gangtey auf dem Boden gesessen, mit­ten unter den Men­schen, und den Masken­tänzen zugeschaut. Dabei sind wir ihnen begeg­net, ohne es zu wis­sen: den Atsaras.

Mit ihren roten Masken neck­en sie die Zuschauer, unter­brechen das Feier­liche und über­schre­it­en Gren­zen, und zwar mit­ten im Rit­u­al, nicht daneben. Zugle­ich sor­gen sie mit viel Humor für Ord­nung. Sie hal­ten den Tanz­platz frei, richt­en ver­rutschte Masken und ken­nen jeden Schritt der Tänze genau. Der Ranghöch­ste unter ihnen geht durch die Menge und seg­net die Men­schen.

Schon ihr Name sagt viel. „Atsara“ geht auf das San­skrit­wort Acharya zurück: Lehrer, Meis­ter. Wer auf dem Grat tanzen will, braucht bei­des: Wis­sen und eine umsichtige Unbeküm­mertheit.

Was uns aufge­fall­en ist

Bhutan hat seinen größten Stören­fried nicht ver­ban­nt. Es hat ihm einen Tem­pel gebaut und sein­er Rolle an jedem Fest einen fes­ten Platz gegeben. Ein Land, das Glück zum Staat­sziel erk­lärt, ehrt aus­gerech­net seine Spöt­ter. Glück heißt hier offen­bar nicht Har­monie um jeden Preis.

Und noch etwas: Der Göt­tliche Ver­rück­te wie die Atsaras ste­hen nie ganz draußen, denn Kri­tik von außen ist bil­lig. Sie lassen sich aber auch nie vere­in­nah­men. Sie sind Gren­zläufer zwis­chen Kloster und Schenke, zwis­chen Rit­u­al und Gelächter. Und sie zeigen etwas, das leicht überse­hen wird: Wer Gren­zen über­schre­it­en darf, ken­nt die Regeln am besten. Der Narr stört nicht das Ganze, er dient ihm.

Das hat­ten wir nicht erwartet: Hier in Bhutan begeg­nen wir unserem eige­nen Mitau­tor in anderen Gewän­dern, dem Jester, dem Hof­nar­ren. Wir fühlen uns bestätigt und gestärkt. Er hat seit jeher eine wichtige Rolle gespielt, und es ist höch­ste Zeit, ihm in heuti­gen Organ­i­sa­tio­nen wieder einen Platz zu geben.

Ein paar Fra­gen an eure Organ­i­sa­tion

  • Wer darf bei euch sagen, was alle denken und nie­mand ausspricht, ohne dass es die Kar­riere kostet?
  • Wo hat Wider­spruch einen fes­ten Platz und wo ist dieser ein leer­er Appell?
  • Wie viel Raum bekommt bei euch das Uner­wartete – und wann wird es zurecht­ges­tutzt?

In unserem Buch begleit­et uns der Jester als kri­tis­che Gegen­stimme von der ersten Seite an. Und am Ende bekommt er einen Platz in der Organ­i­sa­tion. Was wir schon sich­er sagen kön­nen:

„Ein Tem­pel muss es nicht sein. Ein Stuhl am Tisch würde reichen.“

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Ruth & Urs Bolter

Im lebhaften Austausch - beim Wandern, bei einer Tasse Kaffee, in der Pause - oder mit einer einfachen Frage, entstehen unsere Ideen und Texte. Inspiration findet sich überall - es gilt sie in Worte zu fassen und zu teilen.