
Zum Mittagessen haben wir Ugyen Tenzin ins Restaurant von Sangay Khandu eingeladen, unserem Gastgeber in Thimphu, der Beziehungen zu Österreich und der Schweiz pflegt. Es gibt roten Reis, Huhn und verschiedenes Gemüse, für unseren Gast dazu Chili, das für uns zu scharf ist. Einen festen Ausdruck für «Guten Appetit» gebe es auf Dzongkha nicht, sagt Ugyen Tenzin, «when it comes to meals, we are very serious». Er leitet Business Bhutan, eine wöchentliche Wirtschaftszeitung mit 21 Mitarbeitenden. Davor war er Beamter, hat in Canberra Public Policy studiert, vier Jahre in Australien gelebt und ist, wie er selbst sagt, einer der Rückkehrer.
Werte, die leiten
Ob man in Bhutan frei schreiben könne, wollen wir wissen. Einschränkungen gebe es keine, sagt er, wohl aber selbst auferlegte, die aus Erziehung und Kultur kommen und daraus, dass das Land so klein ist, dass jeder jeden kennt und man beim Schreiben schnell über jemanden schreibt, mit dem man verwandt ist. Ob es dann überhaupt Regeln brauche, wenn doch die Werte regieren, fragen wir nach. Er korrigiert uns freundlich: nicht regieren, sondern leiten.
Wie offen er dabei bleibt, zeigt sich bei einer Frage, die uns seit der Ankunft beschäftigt. Jeder Gast zahlt in Bhutan pro Tag eine Abgabe von 100 Dollar, die das Land vor Massentourismus schützen soll. Die Absicht verstehen wir gut, doch junge Reisende sind dadurch weitgehend ausgeschlossen. Ugyen Tenzin muss nicht lange überlegen: Die Abgabe sei zu hoch. Viele Gäste aus Asien blieben ohnehin nur drei Nächte, Bhutan werde zur Durchgangsstation, und kaum jemand bleibe zwei Wochen. Dann folgt eine Feststellung, die für uns gut nachvollziehbar ist: Selbst nach zwei Wochen hätten wir das wirkliche Bhutan noch gar nicht gesehen, denn wir waren nur im Westen. Schützen und Öffnen sind hier keine Gegensätze, sondern eine Balance, die immer wieder neu austariert werden muss.
Ein Richter, der Teller spült
Warum so viele junge Menschen das Land verlassen, beantwortet er ohne Umschweife: wegen des Geldes. Arbeit gebe es in Bhutan, aber sie sei schlecht bezahlt, und die Preise steigen. Im Ausland machten viele Gelegenheitsjobs: Hier sei man vielleicht Richter, in Australien spüle man Teller. Eigentlich wollten alle zurück, denn die Familie sei hier. Seine große Hoffnung ist Gelephu Mindfulness City, wo schon heute erste Beamte dreimal so viel verdienen wie bisher und von wo aus in den nächsten zwei Jahrzehnten Impulse in den Osten und Süden des Landes ausgehen sollen. Ob auch ausländische Investoren kommen? Er sehe keinen Grund, warum nicht, aber vieles hänge davon ab, wer zuerst kommt.
Finanziert wird Gelephu vom Staat unter anderem über Bitcoin. Bhutan betreibt das Mining mit Wasserkraft, also vollständig grün, und sieht darin keinen Widerspruch: Selbst wenn es einen Schaden gebe, sei er im Vergleich zum Ertrag sehr klein, sagt Ugyen Tenzin. Das Land sei kohlenstoffnegativ und müsse nutzen, was es auszeichnet: die Natur, die Berge, das Wasser.
Wenn die Menschen fehlen
Als größte Herausforderung nennt er, was wir erwartet hatten und etwa aus Neuseeland oder Finnland kennen: die geringe Bevölkerungsdichte. Knapp 800 000 Menschen leben in einem Land, das fast gleich groß ist wie die Schweiz, viele Familien haben nur noch ein oder zwei Kinder, und manche junge Menschen wollen gar nicht mehr heiraten. In Indien könne man von einem Kaffeestand leben, weil es mehr als genug Menschen gebe; in Bhutan habe fast jedes Haus einen Laden, aber zu wenig Kundschaft. Die Dörfer leeren sich, und damit stellt sich eine Frage, die er offen ausspricht: Was bringt man an Entwicklung in ein Dorf, in dem nur noch zwei, drei Häuser stehen und zehn Menschen leben? Der Staat unterstützt Familien inzwischen finanziell, wenn sie ein drittes Kind bekommen.
Was Organisationen brauchen
Was brauchen Bhutans Organisationen am meisten? Mehr Mut, sagt er und wiederholt es mehrmals: Sie sollten bereit sein, Risiken einzugehen, kreativer und innovativer werden. Das geschehe derzeit zu wenig, denn rund neun von zehn jungen Menschen wollten in den Staatsdienst. Gute Führung brauche es nicht nur an der Spitze des Landes, sondern in der ganzen Wirtschaft; man könne nicht alles den Ministerien überlassen. Den Schlüssel sieht er in der Bildung: Ein System, das vor zwanzig Jahren funktionierte, passe heute nicht mehr, und es brauche mehr kritische Diskussion im Klassenzimmer. Als wir einwerfen, dass zwischen kritischem Denken und Respekt nur eine feine Linie verlaufe, nickt er: «We are not awakened ones.» Den mittleren Weg zu gehen, sei die größte Herausforderung, und bisher sei es gelungen.
Im Gespräch wird auch deutlich, dass neben dem Mut vielfach das Verständnis für Business und Unternehmertum fehlt: ein unternehmerisches Denken, das auf den eigenen Werten gründet und sich nicht von ihnen löst.
Wir denken an den Lecturer am Royal Thimphu College, der sich, als wir seinen Studierenden Fragen stellten, respektvoll abwandte – eine Geste, mit der er ihnen Raum gab, für sich selbst zu sprechen. Vielleicht beginnt Mut genau so: mit Räumen, in denen Widerspruch Platz hat, ohne dass der Respekt verloren geht.
Ein König in siebzig Momenten
Und dann ist da noch das Geschenk, mit dem uns Ugyen Tenzin gleich zu Beginn überrascht hatte, nachdem wir ihm unsere Mitbringsel überreicht hatten: sein eigenes Buch, «The Song of a King – Through 70 Notes». In siebzig Momenten erzählt es das Leben des vierten Königs, der im vergangenen Jahr siebzig wurde und auf den die Idee des Bruttonationalglücks zurückgeht. Weil es kaum Quellen gab, hat Ugyen Tenzin dafür bis in Bibliotheken in Indien recherchiert. Im Vorwort wünscht Prinzessin Sonam Dechan Wangchuck der jungen Generation, dass sie im Leben des Königs die Kraft selbstloser Führung erkennt. Auf die erste Seite hat er für uns geschrieben: «Three Nations, One Vision».

Ganz zum Schluss dreht er den Spieß um und fragt uns, ob wir mit unserer Arbeit hier in Bhutan zufrieden seien, mit all den Gesprächen. Wir sagen ja, sehr. Die Frage nehmen wir mit nach Hause, denn vielleicht ist sie die einfachste Form, nach Glück zu fragen.
Wie viel Mut lassen unsere Organisationen zu, und wie finden wir den mittleren Weg zwischen Widerspruch und Respekt?