Fortschritt und Glück: Was wir von Bhutans Bauern ler­nen

Chilis per Smartphone, Bohnenpaste aus dem eigenen Garten und eine Bäuerin, für die Fortschritt vor allem eines heißt: dass das Leben leichter wird. Was Organisationen daraus über Veränderung und Glück lernen können.

Beim Früh­stück im Deki Farm­house in Gangtey sitzen wir auf Mat­ten am Boden, vor uns ste­hen die Speisen in Ton­töpfen auf geflocht­e­nen Rin­gen, als unser Gast­ge­ber fast zurück­hal­tend ein kleines Glas hin­stellt, mit der vor­sichti­gen Frage, ob wir vielle­icht pro­bieren möcht­en: einen knus­pri­gen Gewürzmix aus Knoblauch, Zwiebeln und Tomat­en, den die Fam­i­lie selb­st her­stellt. Später bringt er auf dieselbe Weise eine schwarze Paste aus Bohnen aus dem eige­nen Garten und erk­lärt jede Zutat mit ein­er Sorgfalt, die mehr ver­rät als jedes Rezept. Schon am Vor­abend saßen wir mit der großen Fam­i­lie rund um den Hol­zofen und aßen Reis, frisch geern­teten Brokkoli und die Kartof­feln, die man in diesen Tagen über­all im Tal sieht, weil die Ernte ger­ade einge­bracht wird.

Fast alles stammt aus eigen­em Anbau, und doch ist dieser Hof kein Ort, an dem die Zeit ste­hen geblieben ist. Ein paar Schritte vom Haus ent­fer­nt wach­sen in einem Gewächshaus vor allem Chilis, Tem­per­atur und Bewässerung wer­den dig­i­tal ges­teuert, und unser Gast­ge­ber ver­fol­gt die Dat­en auf seinem Smart­phone. Der Ton­topf auf dem Holz­bo­den und das Dis­play in der Hand sind für ihn kein Wider­spruch, eben­so wenig wie die Tat­sache, dass er den Hof bewirtschaftet, während seine Frau und seine Schwägerin in einem Luxu­shotel im Tal arbeit­en. Die Tech­nik erset­zt hier nicht das Eigene, sie dient ihm.

Wie Him­mel und Erde

Was das bedeutet, ver­ste­hen wir bess­er nach dem Gespräch mit Pas­sang Zam, ein­er Bäuerin, die seit zwölf Jahren einen Home­s­tay führt und uns mit Kar­mas Hil­fe beim Über­set­zen erzählt, wie sich ihr Leben in zwanzig Jahren verän­dert hat. Der Unter­schied sei wie Him­mel und Erde, sagt sie. Damals gab es wed­er Strom noch Straße noch ein Well­blech­dach, das Brennholz trug man auf dem Rück­en aus dem Wald, und wer ins näch­ste Tal wollte, ging zu Fuß über die Berge. Heute kommt das Holz mit dem Last­wa­gen, und für die Kartof­feln gibt es eine Motorhacke.

In unseren Gesprächen über Gross Nation­al Hap­pi­ness begeg­net man dem Wach­s­tum oft mit Vor­sicht. Aus Pas­sang Zams Mund klingt Fortschritt anders: hand­fest, willkom­men, eine Erle­ichterung, die man in den Schul­tern spürt. Sie misst ihn nicht an Zahlen, son­dern daran, ob der All­t­ag leichter gewor­den ist. Darin steckt eine unbe­queme Frage an Organ­i­sa­tio­nen, die neue Sys­teme und Werkzeuge ein­führen und ihren Erfolg an Kenn­zahlen able­sen: Spüren die Men­schen, dass ihr All­t­ag leichter wird? Verän­derung wird getra­gen, wenn sie ent­lastet und stärkt, was eine Organ­i­sa­tion aus­macht, und sie wird bloß erduldet, wenn sie nur auf dem Papi­er überzeugt.

Glück ist nah

Gegen Ende stellen wir Pas­sang Zam eine Frage, die in Bhutan fast selb­stver­ständlich ist: Was ist Glück für dich? Ihre Antwort braucht keine The­o­rie: im eige­nen Haus leben, im eige­nen Dorf sein, sehen, dass es den Kindern gut geht, und eine Gemein­schaft haben, in der die Men­schen miteinan­der ver­bun­den sind, mit dem Kloster, den Opfer­gaben und den Fes­ten.

Dabei leben ihre Kinder längst nicht mehr im Dorf. Die bei­den Söhne sind in Aus­tralien, die Tochter baut in Thim­phu ein eigenes Unternehmen auf. Sie bit­ten die Mut­ter, aufzuhören und bei ihnen zu leben, doch Pas­sang Zam möchte den Home­s­tay weit­er­führen, solange sie kann, vielle­icht bis 65, und fragt sich, wie sehr sie von anderen abhän­gen soll, solange sie selb­st noch beitra­gen kann. Arbeit ist für sie keine Last, son­dern Aus­druck von Würde und Selb­st­bes­tim­mung.

Wer das Früh­stück im Deki Farm­house vor Augen hat, erken­nt darin das­selbe Muster: In der stillen Freude, mit der unser Gast­ge­ber seine Gläs­er anbi­etet, liegt der Stolz dessen, der etwas Eigenes geschaf­fen hat und es teilen kann. Ver­bun­den­heit, Ver­wurzelung und das Gefühl, selb­st beizu­tra­gen, entschei­den in Organ­i­sa­tio­nen eben­so über Zufrieden­heit wie in einem Dorf im Phob­jikha-Tal. Wie viel Gemein­schaft ermöglichen wir? Und find­en wir für Men­schen, die beitra­gen wollen, solange sie kön­nen, passende For­men statt eines abrupten Endes?

Vielle­icht ist das die leise Lehre aus Gangtey: Fortschritt und Glück müssen keine Gegen­sätze sein, solange Fortschritt das Leben leichter macht und das Eigene stärkt, statt es zu erset­zen. Woran merken die Men­schen in dein­er Organ­i­sa­tion, dass ihr All­t­ag leichter wird – und was davon ist wirk­lich ihr Eigenes?

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Ruth & Urs Bolter

Im lebhaften Austausch - beim Wandern, bei einer Tasse Kaffee, in der Pause - oder mit einer einfachen Frage, entstehen unsere Ideen und Texte. Inspiration findet sich überall - es gilt sie in Worte zu fassen und zu teilen.