
Nicht jede Erkenntnis braucht ein langes Interview. Manchmal ist es eine kurze Begegnung am Wegrand, ein Schild oder eine Zahl, die uns staunen lässt. Hier einige Glimpses – kleine Momentaufnahmen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die zum Schmunzeln, Nachdenken und Weiterfragen einladen.

Beim Aufstieg zum Tempel kommen uns zwei Trailrunner entgegen. Einer von ihnen ist Jigme Tenzin – «Jimmy», wie er sich vorstellt. Im bhutanischen Außenministerium leitet er die Abteilung für Politik und internationale Sicherheit, er hat in Oberwart studiert und gerade den UTMB, den Ultra-Trail du Mont-Blanc, absolviert. Er sprudelt vor Freude und Energie: «Ich renne für mein Leben. Ihr müsst tief durch den ganzen Körper atmen und den Duft der Natur in euch aufnehmen. Und oben kommt ‹blessed water› direkt aus dem Felsen – wie eine Dusche.»

Bishnu Maya bedient uns jeweils beim Abendessen und beim Frühstück, und ihre freundliche Art macht es uns leicht, mit ihr ins Gespräch zu kommen. «Being citizen from Bhutan is GNH!», sagt sie – und lebt diese Freundlichkeit. Sie erzählt uns von allerlei Erlebnissen mit ihren Gästen. Als wir von unseren kulinarischen Abenteuern berichten, kommt sie mit einer Schale Nelken und Kardamomkapseln zurück: «Damit ist der Zwiebel-Knoblauch-Geschmack gleich weg.»
Herzlichkeit ist das eine, verlässliche Versorgung das andere: Andernorts gelingt es nicht, den auf der Karte angebotenen Wein innerhalb einer Woche nachzubestellen, und selbst beim Frühstücksbuffet können die Eier ausgehen – und das in der Hauptsaison.

Thinley Pemo, für ihre Entwürfe als Textildesignerin mehrfach königlich ausgezeichnet, erzählt uns von ihrer 86-jährigen Mutter: Sie spinnt noch immer Tag für Tag die Fäden – zu Hause wäre es ihr zu langweilig – und hat der ganzen Familie das feine Handwerk beigebracht. Manche dieser Stoffe aus feinster Handarbeit haben bis zu einem Jahr Arbeit in Anspruch genommen.

«Bhutan made» ist nicht «made in Bhutan». Das kennen wir auch von zu Hause.
Was uns dann aber doch erstaunt: Rund 90 Prozent der Souvenirware stammen, wie man uns erzählt, aus Nepal – notabene zu einem Bruchteil des Preises. Nun verstehen wir auch, wie die Läden hier alle das Gleiche verkaufen und trotzdem irgendwie auskommen können.

Cordyceps, die teuersten Pilze der Welt, werden unter prekärsten Bedingungen im Hochland des Himalaya geerntet – es ist das Geschäft mit der ewigen Jugend und Gesundheit. Ein Kilo erzielt zwischen 10.000 und 50.000 US-Dollar, und auch der mit Cordyceps versetzte Whisky geht für 450 Dollar über den Ladentisch.

Wie viel Milch gibt eine Kuh durchschnittlich am Tag? In der Schweiz sind es 20 bis 35 Liter, in Bhutan 1,6 bis 2 Liter. Dafür grasen die Kühe hier frei auf weiten Hochweiden. Wie messen wir eigentlich Produktivität – und was zählt dabei nicht?

Selbst die Besucherregeln im Tierpark sind freundlich und humorvoll: «No loud music please! Our animals are not very fond of partying.» Und: «Do not feed animals! Our animals are on standard diet.»


Und dann gibt es hier sogar Nashörner – zumindest in Käferform.

Finde den Fehler! Oder ist das einmalige Garagenarchitektur? Oder: Was verstehen WIR nicht?

«Be a Buddy, not a Bully» steht am Tor einer Grundschule, «Alone we are smart, together we are brilliant» an ihrer Mauer. Das soziale WIR wird früh verankert.


Auf derselben Mauer steht in bunten Buchstaben: «Everything that is real was imagined first.» Für die Kleinen gleich mit der Erklärung, «imagined» sei bloß ein schickes Wort für «think up». Ein Satz, der uns zu einem der kühnsten Vorhaben Bhutans führt.
Ausblick: Gelephu Mindfulness City
Im Süden des Landes, an der Grenze zu Indien, entsteht auf Initiative des Königs die Gelephu Mindfulness City (GMC) – ein Vorhaben, das wirtschaftliche Entwicklung mit den Werten des Bruttonationalglücks verbinden will. Was hinter dem Vorhaben steckt, haben wir in unserer Factbox zur Gelephu Mindfulness City zusammengefasst. Noch ist vieles erst gedacht. Und so nehmen wir vor allem Fragen mit:
- Wird dieses ambitionierte Vorhaben gelingen – und woran würden wir das überhaupt messen?
- Wie wird es finanziert? Finden sich Investoren, denen «Mindfulness» mehr bedeutet als ein Etikett?
- Gibt es genügend wohlgesonnene Kräfte, um der Versuchung des kurzfristigen, ausbeutenden Erfolgs zu widerstehen?
- Welchen Einfluss werden ausländische Investoren, Mitarbeitende, Lenker und Gestalterinnen auf die Kultur Bhutans haben – und Bhutan auf sie?
- Wird sich die Hoffnung der Jugend erfüllen, im eigenen Land eine Zukunft zu finden?
- Und kann GMC gar zu einem Wendepunkt werden – nicht nur für Bhutan, sondern als Beispiel für die Welt?
Wir bleiben dran.